die Geschwister: U. Dritte von links, 1948

U. Q. (*1934)

Die zweite Flucht

Wir hatten es in den vergangenen Wochen unzählige Male geübt. Wenn es nachts klingelte, sollte Mutter zur Tür gehen und nach dem "Warum" fragen. Dann sollte eine hektische und laute Suche nach dem Hausschlüssel beginnen, bei der unser bald siebzehnjähriger Bruder C. schließlich im Keller bei den Kaninchen den Schlüssel fand. Vater sollte inzwischen notdürftig bekleidet in den Garten des Reihenhauses ausweichen. Währenddessen sollte Schwester A., 15 Jahre alt, in das warme Ehebett neben Mutter umziehen, und ich, beinahe 14 Jahre alt, die siebenjährige F. in A.s Bett tragen. So wurde sichergestellt, daß kein Erwachsenenbett ungenutzt, und noch warm vom Schlafen war. Die kleine Zweijährige durfte in ihrem Kinderbett weiter schlafen.

Wie gesagt, wir hatten es mehrfach geübt. Denn es bestand damals im Herbst 1948 die akute Gefahr, daß Vater verhaftet und nach Buchenwald oder Sibirien verbannt werden würde.
Vater war als ehemaliger Bergarbeiterjunge auf dem zweiten Bildungsweg schließlich Abteilungsleiter in der Thüringer Handwerkskammer geworden. Hier waren alte Genossen und Gewerkschaftler vereint, die sich gegen die Zusammenlegung der sozialdemokratischen und der kommunistischen Partei zur russisch geprägten Einheitspartei, der SED, verschworen hatten.

Seit Ende 1945 hatten sie im Untergrund gearbeitet und die Kontakte zum Westen gepflegt. Aber nun drohte das Ganze aufzufliegen. Eine bereits im Frühjahr geplante Flucht hatte sich als undurchführbar erwiesen, weil eventuell andere dadurch gefährdet worden wären. Einen der Betroffenen hatte jedoch nun die Panik erfaßt, und er war geflohen – und jetzt waren vor allem die Familien mit kleinen Kindern nicht mehr in der Lage "geordnet" in den Westen zu verschwinden. Also hatten wir wenigstens die Akutsituation geplant, vorbereitet und immer geübt. Als es dann Ernst wurde, und es eines Nachts wirklich klingelte, und die NKWD, die Geheimpolizei unter russischem Kommando, vor der Tür stand, klappte es auch ganz gut. Nur Vater weigerte sich zunächst aufzustehen, denn er hatte die ewige Überei satt.
Als er schließlich von der gefährlichen Lage überzeugt war, konnte er tatsächlich mit C. im Gleichschritt die Treppe hinab und durch den Keller in den Garten entkommen, wo er vorsichtig durch das Fenster das Verhör unserer Mutter durch den NKWD beobachtete. Er wollte einschreiten, falls Mutter gequält oder gefoltert würde. Das war glücklicherweise nicht der Fall.

Nachdem zunächst das ganze Haus durchsucht worden war, konnte Mutter – schon immer eine geborene Schauspielerin – weinend die Beamten davon überzeugen, daß Vater seit einiger Zeit oft außer Hause schlief. Er habe wohl eine Freundin in Südthüringen, und sie, die Mutter seiner fünf Kinder, fürchte für ihre Ehe das Schlimmste.

Nach etwa 2 Stunden, also um drei Uhr nachts am 20. Oktober 1948, verließen die Beamten das Reihenhaus, in dem wir in Schöndorf, einem Vorort Weimars und ganz nahe bei Buchenwald, wohnten. Sie kündigten an, um 10 Uhr am Morgen wiederzukommen, denn dann sei Vater ja sicher wieder zurück. Bald darauf klopfte es an die Terrassentür und Vater kam, um sich anzuziehen. Die verschiedenen Pläne zum Entkommen wurden abgesprochen. Man verabredete sich in Berlin, und der Erste, nämlich Vater, verschwand.

Er lief übrigens vom Norden her bis in den Süden um ganz Weimar herum, denn er stellte sehr schnell fest, daß die Hauptstraße und alle direkten Wege nach Weimar überwacht wurden. Dann brachte ihn ein guter Freund, der ein Dienstauto und eine bedingte Fahrerlaubnis besaß, nach Naumburg, wo er den nächsten Zug nach Berlin-Zoo bestieg – es gab ja noch keine Mauer. Und tatsächlich entkam er noch ohne Kontrolle.

Der nächste an der Reihe war C., der wegen seines Geschlechts und Alters nach unserer Meinung besonders gefährdet war. Er sollte die Jüngste mitnehmen – sie war beim Packen eher hinderlich. Ich wurde abbeordert, die Beiden mit ihrem Gepäck und der Kinderkarre die 4 Kilometer bis zum Bahnhof zu begleiten, wobei wir selbstverständlich Seitenwege benutzen mußten. Also ging es morgens um ½ 7 Uhr aus dem Haus und – o Wunder – keiner hielt uns an, und die Geschwister bestiegen ungehindert den Zug. Zielort war Halle, wo eine Freundin unserer Eltern wohnte. Wir waren nämlich – sicher zu Recht – der Meinung, daß eine Familie mit fünf Kindern, die direkt nach Berlin fuhr, auffallen würde. Also hatten wir beschlossen, in Gruppen zu verschwinden, und dazwischen für 2 Tage in Halle Station zu machen.

Ich hatte also meine Geschwister zur Bahn gebracht. Schon, als ich mich wieder unserem Hause näherte, sah ich die fremden Autos: Die Russen waren ganz früh wiedergekommen […]

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