U., 1939

U. P. (*1935)

Meine Eltern hatten sich als junge Architekten in einem großen Architekturbüro in Berlin und Hamburg kennengelernt und ließen sich nach ihrer Heirat in Otterndorf, einer Kleinstadt an der Niederelbe nahe Cuxhaven freiberuflich nieder. Dort wurden wir drei Kinder, jeweils in ein-einhalbjährigem Abstand geboren – ich 1935, meine Schwester 1937, mein Bruder 1938. Als mein Vater 1939 eingezogen wurde, hatten meine Eltern gerade den Auftrag bekommen für die Restauration und Modernisierung des sog. Schlosses eines der Grafen von der Schulenburg in Alendorf, einem weitläufigen Flecken auf dem Lande am Rande eines Moores, 30 km von Stade entfernt.

Meine Mutter bezog wegen der damals "riesigen" Entfernung mit uns drei kleinen Kindern die ihr vom Grafen im Schloß angebotene Werkswohnung, wo sie in Ruhe planen und den Bau leiten konnte, während wir Kinder in Haus, Garten und dem riesigen Park eine unbeschwerte Kindheit und Freiheit genossen. Im Sommer besuchten uns unsere Vettern und Cousinen, die alle etwa im gleichen Alter mit uns waren, im Winter hatten wir ausreichend Kinderbesuch aus der weitläufigen Nachbarschaft.

Ich kam mit 5 ¾ Jahren 1941 im 3 km entfernten Osten am Fluß Oste zur Volksschule und war die Jüngste in der Klasse. Alle vier Grundschulklassen wurden in einem Raum unterrichtet, in dem es mäuschenstill zuging. Ich kann mich an Rechenkärtchen und Schläge auf die Finger mit dem Zeigestock oder Lineal erinnern. Der Schulweg von 3 km, im Sommer zu Fuß, im Winter bei eisigem Wind und Schneetreiben, war beschwerlich. So manches Mal mußten meine Geschwister und ich uns an den Chausseebäumen festhalten, um nicht umgeblasen zu werden. Wenn die Gräben zugefroren waren und kein Schnee lag, liefen wir auf Schlittschuhen zur Schule, was meine Mutter uns beigebracht hatte. Ich als Älteste und Größte durfte eines Tages stolz auf ihren "Holländern" laufen. In der Schule wärmte und trocknete uns ein kleiner Ofen, für den später jeder Schüler ein Stück Torf mitbringen mußte.

Erst gegen Ende des Krieges erlebten wir zunehmend häufiger Flieger-Alarm. Ich kann mich nur an zwei Episoden genau erinnern: einmal stand mitten in der Nacht ein "Christbaum" genau vor unserem Treppenhausfenster, während meine Mutter mit uns Kindern in den Keller laufen wollte. Sie hatte meinen kleinen Bruder auf dem Arm, meine Schwester an der Hand und für mich, die Älteste, keine Hand mehr frei. Ich muß mich sehr gefürchtet und geschrieen haben, aber sie konnte mich ja nicht anfassen. Ich habe unter dieser Situation des Alleingehenmüssens manche Jahre gelitten.

Schloß von der Schulenburg in Alendorf

Ein anderes Mal – mitten im Winter – waren wir Kinder in der Schule und wollten gerade nach Hause, als Voralarm gegeben wurde, der eine Ewigkeit dauerte. Schließlich zogen meine Geschwister und ich los, um über die verschneiten Felder und zugefrorenen Gräben bei hellem Sonnenschein querfeldein rasch nach Hause zu gelangen und bequemer laufen zu können. Mitten auf dem Weg gab es plötzlich Voll-Alarm, und gleichzeitig rasten schon mehrere Tiefflieger über uns hinweg. Wir konnten uns nirgends verstecken, Felder und Gräben waren ja eine einzige verschneite Fläche. Ich riß nur meinem Bruder die rote Mütze vom Kopf, während wir uns flach hinwarfen. Meine Schwester machte vor Angst die Hose naß. Die Tiefflieger kreisten mehrfach über uns hinweg, warfen dann bombenartige Gebilde in einiger Entfernung ab, die aber nicht explodierten, und verließen uns dann. Es sollen leere Kanister gewesen sein, die da vom Himmel purzelten. Wir gelangten wohlbehalten nach Hause.

Gegen Kriegsende kamen aber auch Flüchtlinge in langen Trecks. Zum "Schloß" zog es die Adeligen aus dem Osten. Bei uns hielt die Familie Raczynski Einzug mit 6 Kindern. Wir hatten plötzlich neue Spielkameraden. Wir bauten Zugbrücken über die Gräben und spielten Krieg. Bei der alten Gräfin hatten wir Kindergottesdienst, trugen tote Vögel oder tote Kaninchen im selbst gezimmerten Sarg unter Singen von Chorälen in ein selbst ausgehobenes Grab mit Holzkreuz, "Ati" – der gräfliche Vater – las abends Geschichten vor. So habe ich Nils Holgerssons Reise mit den Wildgänsen noch heute in Erinnerung. Wir spielten Theater nach den gehörten Geschichten, verkleideten uns als Trolle mit großen Nasen und großen Ohren.

Die Schulen wurden geschlossen, aber wir neun Kinder lebten frei in unserer eigenen Welt im Park. Wir zogen Hühner und Kaninchen. Meine Mutter hatte ein Stück Gartenland im großen gräflichen Garten, wir konnten Fallobst ernten, und wir sammelten Kartoffeln auf den abgeernteten Feldern. Die Marken für Milch, Zucker und Butter wurden von uns Kindern in unserm Schulort eingelöst.

Für Milch stand immer mein damals sehr kleiner und magerer Bruder an, der manchmal einen kleinen Nachschlag erhielt, weil er so verhungert wirkte. Ich kann mich an Hunger nicht wirklich erinnern. Meine Mutter zauberte aus Eiern, Bohnenschrot, Maismehl und Salz immer etwas, so daß wir satt wurden, sie selbst sicher nicht. Sie behauptete aber immer, schon satt zu sein. Gelegentlich gab es eines von unseren Kaninchen zu Mittag. Nur als mein Lieblingskaninchen geschlachtet wurde habe ich entsetzlich geweint, aber dann doch davon gegessen.

Mein Vater kam 1947 aus russischer Kriegsgefangenschaft. Er war 41 Jahre und vollständig ergraut. Meine Schwester sah an ihm hoch und sagte in ihrer bedächtigen Art: "Pappi, du siehst ja aus wie ein Opa – aber besser, als wenn Du gar nicht zurückgekommen wärst."
Er drechselte Holzpuppen mit richtigen Gelenken, und meine Mutter nähte Puppenkleider. Die Puppen wurden den Bauern gegeben und dafür Butter und Mehl eingetauscht. Für unsere Familie und die Hausbewohner machte Vater wunderschöne hölzerne Sandaletten, deren Riemen an den Sohlenseiten mit schmalen Pflöcken befestigt wurden. […]

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