die Schwestern, S. rechts, 1944

S. V.-E. (*1934)

Kindheitserfahrungen

Viele helle, freundliche Bilder steigen vor meinem inneren Auge auf, wenn ich an meine frühe Kindheit in einem Forsthaus im Waldenburger Bergland in Schlesien denke, Bilder eines unbeschwerten, sehr behüteten Lebens in herrlicher Freiheit inmitten einer wunderbaren, lieblichen Mittelgebirgslandschaft, zusammen mit meiner zwei Jahre jüngeren Schwester, sehr geliebt, besonders vom Vater, der sich – sicher ungewöhnlich für seine Zeit – zwei Töchter gewünscht hatte.

Meine Eltern waren keineswegs wohlhabend. Wir Kinder lebten trotzdem in einem Paradies: in einem großen Haus und mit vielen Tieren, rundherum ein großer Garten, in dem auch meines Vaters geliebter Bienenstand seinen Platz hatte, und in dem er in seiner spärlichen Freizeit in der üblichen Imkerverkleidung werkelte. Zu den Haustieren gehörten etliche Kaninchen, für deren Futter wir Kinder mit zu sorgen hatten, Hühner, Gänse, zeitweilig auch ein Schaf und eine Ziege, die Jagdhunde meines Vaters und – besonders von mir heißgeliebt – ein kleiner Rauhaardackel namens "Senni", der meiner Mutter gehörte und unser ganz privater Hund war.

Dieses Kinderglück wurde jäh beendet durch die Einberufung meines Vaters zur Wehrmacht im Februar 1942. Bis dahin war er "uk." gestellt. Ich war damals sieben Jahre alt, war noch nie länger von ihm getrennt gewesen und habe ihn unsagbar vermißt. Ich weiß nicht mehr, wann es war , aber er war noch einmal für drei Wochen auf Urlaub zu Hause , war mit Hungerödemen – fast bis zur Unkenntlichkeit aufgeschwemmt – angekommen und dank der vollwertigen Ernährung zu Hause mit seinem gewohnten Aussehen wieder weggefahren. Von da an kamen nur noch Schreckensnachrichten von Stoßtruppeinsätzen ,die er vor der Hauptkampflinie, anzuführen hatte. Stalingrad war zu Beginn des Jahres 1943 gefallen, die deutschen Truppen waren auf dem Rückzug, im Raum von Orel tobte noch einmal eine große Schlacht mit einer verheerenden Niederlage für die deutschen Soldaten.

Unser Forsthaus in Schlesien 1944

Am 19. Juli war mein neunter Geburtstag, zwei Tage später ist mein Vater – vielleicht der geliebteste Mensch in meinem Leben – irgendwo in den Weiten Rußlands an den Folgen eines Bauchschusses gestorben, wahrscheinlich unter schrecklichen Qualen auf einem Lastwagen, der ihn zum Hauptverbandsplatz bringen sollte, und dessen Fahrer unterwegs tödlich verwundet worden war. Ich werde diese Stunde nie vergessen, als uns – an einem strahlenden Sommernachmittag – von unserem Bürgermeister und NSDAP – Ortsgruppenleiter die Todesnachricht überbracht wurde.
"Heldentod für Volk und Vaterland" wurde das ja damals genannt. Das ganze Ausmaß dieses Unglücks habe ich Neunjährige Gott sei Dank damals nicht begriffen, ich wußte nur, dass man schwarze Kleider anzieht, wenn jemand gestorben war. Die hatte ich natürlich nicht.

Wie einschneidend und grauenhaft unser Leben – das meiner Mutter, meiner Schwester und meines – durch den Tod meines Vaters verändert worden war, wurde dann doch bald deutlich […]

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