die Geschwister R., P., Ch., 1937

R. N. (*1930)

20. April 1945 – Führers Geburtstag. Bomben-Großangriff auf meine Heimatstadt Brandenburg. Am Vormittag Sirenengeheul: Fliegeralarm – wenig später das anschwellende Dröhnen des herannahenden Bombergeschwaders. Der Luftschutzkellerboden schwankt im Zischen der Luftminen, bevor sie ihr Ziel erreichen und explodieren.

Etwa zwanzig Minuten dauern Explosionen und Schrecken an. Dann der gleichförmige Ton der Entwarnungssirene. Noch einmal unversehrt davongekommen, eilen wir Kinder auf die Straße. Um uns herum Rauch, schwelende Feuer und Trümmer. Die Saldria-Schule meines Bruders jenseits der Havel – verschwunden! Unser Haus in der Havelstraße – umgeben von Wassergräben – mit den Denkmälern von Schiller und Goethe auf den Halbinseln – blieben verschont. Unser Vater, auf dem Weg vom Standort zur Familie in der Havelstraße, erreicht uns gerade noch, während schon die ersten Brandbomben fallen.

Die Entscheidung der Eltern, Brandenburg nicht zu verlassen, wird drei Tage später zunichte, als die Nachrichten über Greuel und Vergewaltigungen der rasch vorrückenden Russen zu unmittelbarer Realität werden. Am 24. April – unter dem Donner der Geschütze vom Stadtrand her – überqueren wir gerade noch die schon verminte Havelbrücke kurz vor ihrer Sprengung. Diesmal nicht, um eine weitere Nacht im Keller des Stadtkrankenhauses bei meiner Schwester, die dort mit einer Osteomyelitis liegt, gemeinsam zu verbringen. Mit unseren Luftschutzrucksäcken im kleinen Opel, den man meiner Mutter für ihre Patientenbesuche an Stelle des größeren, für Heereszwecke konfiszierten DKW überlassen hatte, erreichen wir das Krankenhaus, um meine Schwester dort abzuholen. Sie liegt während unserer Flucht bis zur Hüfte eingegipst auf dem Rücksitz des Autos.

"Riß im Gewebe der Zeit" – damals noch ohne Rückblick auf eine glückliche Kinderzeit. Diese wird erst nach Jahren in der Erinnerung wieder lebendig.
Da war unser Garten mit dem Spielplatz – Sandkasten, Wippe und Schaukel, die schattige "blutende" Ulme, unter der wir Kinder – mein Bruder Peter mit Freund und Freundin aus der Nachbarschaft – und ich in einem aus Obstkisten gezimmerten Häuschen aus Löschpapier gefertigte Zigaretten gefüllt mit getrockneten Walnußblättern rauchten und der kleinen Schwester Christiane großzügig die Kippen überließen.
Und: wie uns die Mutter bei einem unserer "Arzt-Patienten"- Spiele überraschte und meinen Bruder, den blassen Patienten fragte: "Na, was hast du denn?" Die Antwort: "Ich habe soeben eine Fehlgeburt gehabt!"
Oder erinnernd: wie wir am Geländer lehnen, das den Garten zum Mostrichgraben – einem Havelarm zur Mostrichmühle führend – begrenzte, unsere mit Regenwürmern gespickten Angeln auswarfen und Plötze oder Weißfischchen fingen. Die wurden dann in einer Gießkanne gesammelt, um damit die ältere Nachbarin aus Vorpommern zu beglücken.

Brandenburg Havel vor 1945 - Havelansicht von Saldria und Johanniskirche

Und dann gab es den Fischer, der allabendlich zum Leeren seiner Aalreusen im Kahn von der Havel einbiegend in den Mostrichgraben stakte, und der uns mit den Wollhandkrabben aus seinen Reusen kleine Schauder einjagte.

Oder: wie wir mit unserem hölzernen, etwas lecken Paddelboot "Nausikaa" auf die Havel hinauspaddeln konnten. Meine Mutter hatte diesen antiken Namen für unser Boot ersonnen. Vom Bootsmaler als "Mausika" in schwarzen Lettern am Bug angebracht, oblag ihm nach Aufklärung der Bildungslücke, das "M" aber dann doch rasch in ein "N" umzuwandeln.

Versunken in der Erinnerung waren auch die Zeiten, zu denen wir an den Wochenenden auf das Jagdrevier meines Vaters zu unserer Holzhütte hinausradelten – Christiane, meine Schwester, auf dem Gepäcksitz von Mutters Rad, die Beinchen angstvoll vor dem zischenden Ganter in die Höhe streckend, wenn wir den Hof von Ölschlägers Mühle durch dessen Gänseherde auf dem Weg zu unserem "Hüttchen" zu durchqueren hatten. Dort angelangt, trudelten wir auf der "Bache", einem Wässerchen zwischen zwei Mühlen, in einer Holzbütte staksend und das oft im Nassen endende Abenteuer genießend umher, und labten uns anschließend an den selbst im Walde gesammelten Pfifferlingen, die auf dem Spirituskocher gegart wurden. In der Abenddämmerung harrten wir dann andächtig still auf dem Hochsitz am Waldrand auf die zum Äsen in die Wiesen hinaustretenden Rehe .Unser Vater – den "Ententeich" genannten — löchrigen Filzhut auf dem Kopf , seine Tabakspfeife zum Vertreiben der Mücken rauchend, mit unserem Hund "Waldine" auf dem Schoß neben uns. Das Fernglas machte die Runde, und der Vater wies uns leise auf die grasenden Rehböcke, die Ricken und ihre Kitze hin, und hieß uns auch nach anderem Wild Ausschau zu halten.

Es tauchen jetzt aber auch Erinnerungen an damalige Episoden vor dem Hintergrund des nationalsozialistischen Zeitgeistes auf, so zum Beispiel der "Zwischenfall", als meine Freundin und ich, begleitet von den Müttern, zur Grundschulanmeldung gingen und meine Freundin in der überfüllten Anmeldestelle auf die Frage an ihre Mutter: "Sind Sie arisch?" vorlaut, fröhlich in den Saal rief: "Ich bin nicht arisch!" Natürlich in Unkenntnis der Bedeutung des Wortes und unzutreffend.

Mit acht Jahren die Aufnahme in die Hitlerjugend. Dort hatten wir zunächst unsere Nähkünste zu beweisen. Ich gedachte mit der Wahl einer Umrandung für ein Sabberlätzchen mich rasch der ungeliebten Aufgabe zu entledigen. Am Ende meiner Mühen war das Ergebnis ziemlich grau anzusehen, und ich erntete Verachtung bei unserer Scharführerin ob meiner mangelnden Fähigkeiten. Glücklicherweise ergab sich bald danach die Möglichkeit in den Jungvolkchor überzuwechseln. Er wurde vom Musiklehrer der Schule meines Bruders geleitet, "Waldesel" mit Spitznamen. Bei den Chorproben begrüßte man sich nicht wie damals gefordert mit "Heil Hitler", sondern mit "Guten Abend". Bei der Liederauswahl ging es auch weniger "führergemäß" zu als vielmehr nach musikalischen Gesichtspunkten.

Unvergeßlich bleibt mir auch, daß meine Oberschulfreundin eines Tages auf dem Nachhauseweg aus der Schule – sie kam immer mit mir mittags nach Hause, weil sie Fahrschülerin war – zögernd und mit leiser Stimme zu mir sagte: "Du, ich kann nun nicht mehr deine Freundin sein." "Aber warum?" fragte ich erschreckt. Ihre Antwort war: "Ich bin doch eine Vierteljüdin!" Natürlich änderte dies nichts an unserer Freundschaft, und wir verbrachten weiter herrliche gemeinsame Nachmittage auf dem abgelegenen dörflichen Gehöft, wo ihre Mutter – eine geborene Jacobsohn – ihren Lebensunterhalt mit einer Hühnerfarm für ihre Familie mit Mann und drei Kindern verdiente. […]

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