Gemeinsam mit drei älteren Geschwistern bin ich am Stadtrand von Erfurt aufgewachsen. Die Schönheit dieser vom Krieg kaum zerstörten mittelalterlichen Stadt habe ich damals noch nicht würdigen können. Die Nähe zweier Freibäder und des Stadtwaldes war für unser Wohlbefinden wesentlicher. In unserer Nachbarschaft gab es reichlich Spielkameraden passend zu allen Altersgruppen, und es wurde ausgiebig im Freien getobt. Besonders beliebt war Völkerball auf der Straße, kaum gestört durch irgendwelchen Verkehr.
Von meinen zahlreichen Freundinnen, deren Väter im Krieg gefallen waren, war ich die Einzige, deren Vater lebte. Mein Vater war ob seiner Kinderfreundlichkeit bei allen beliebt. Ob sie vielleicht mehr ihn als mich aufsuchten, habe ich mich erst viel später gefragt.
Eine weitere Attraktion war die Tatsache, dass wir ein
Auto besaßen. Wenn mein Vater über die schlaglochreichen
Straßen fuhr, erklang regelmäßig, wenn sich die
Tachonadel der 50 näherte, die mahnende Stimme
meiner Mutter: "Ras nicht so, man kann ja gar nicht die
Landschaft genießen."
Heute, nach fast 60 Jahren,
erwähnte meine Lieblingsfreundin, dass ihr schönstes
Geburtstagsgeschenk eine Einladung zur Mitfahrt
gewesen sei. Mein Vater besuchte einen Patienten auf
dem Land. Wir beiden durften mit und dort in der
Scheune im Stroh herumhüpfen. Welch ein Vergnügen!
Kindergeburtstage waren sowieso der Höhepunkt des Jahres. Da ich mit meinem 6 Jahre älteren Bruder gemeinsam Geburtstag habe, durften wir uns ein Festtagsessen wünschen. Wir waren uns einig über die weiße Bohnensuppe, die durch ein! Würstchen verfeinert wurde, welches wir uns teilen durften. Die weiteren 7 Personen, die zum Haushalt gehörten, erfreuten sich am verbleibenden Geschmack.
"Essen dürfen" war in der Nachkriegszeit ein zentraler Gedanke. So stand mir allein als Kindergartenkind eine Ration Milch auf Lebensmittelkarte zu, diese Kostbarkeit wurde selbstverständlich in den familiären Speiseplan eingearbeitet. Dafür steckte mir unsere Haushaltshilfe ab und zu bei ihren Vorbereitungen der Mahlzeiten eine Kartoffel zu, da diese ansonsten immer abgezählt auf den Tisch kamen. Sie staunte nicht schlecht, wie ich flink mit meiner Beute in der Toilette verschwand, um diese Zusatzgabe ohne Futterneid der anderen zu genießen.
Samstags wurde das große Kuchenblech zum Bäcker getragen. Der Hinweg war mühsam und langweilig, aber der Rückweg war eine Tortur, denn frisch gebackener Streusel ist unwiderstehlich. Immer wieder bildete ich mir ein, ein Krümelchen und noch und noch eins wird schon nicht bemerkt werden. Keine nachfolgende Strafe konnte diese Versuchung unterdrücken.
Die älteren Brüder haben mir und meiner Schwester nicht selten den Nachtisch gnädig abgenommen, nachdem sie uns die Ähnlichkeit desselben mit dem Inhalt der Spucknäpfe in der väterlichen Praxis ausführlich beschrieben hatten.
Der immer gegenwärtige Hunger hätte mir beinahe wirklich geschadet. Jedes kindliche Unwohlsein wurde bei uns zu Hause in gleicher Weise therapiert. Ab ins Bett mit schmaler Kost und bei Bedarf ein Löffelchen Rhizinus. Diese Maßnahme heilte uns Kinder meist schnell und ließ erst gar nicht den Wunsch nach einer Ruhepause aufkommen.
Nur einmal traute ich mich aus Angst vor einem
Nahrungsentzug nicht, meine Kopfschmerzen
zuzugeben, bis ich den Kopf auf meinen Schreibtisch
bettete und ihn nicht wieder anheben konnte.
Die nun folgenden Wochen wurde ich im Krankenhaus
sehr gut wegen einer tuberkulösen Meningitis versorgt.
Wie bescheiden wir damals auch sonst waren zeigt das Geschenk unserer Sprechstundenhilfe zu meinem sechsten Geburtstag. Sie hatte mir einen Ball aus Stoffresten mit bunten Fäden umhäkelt. Da nur dieser Ball in meiner Erinnerung haften blieb, muss er mich doch sehr glücklich gemacht haben.
Modische Aspekte spielten damals keine Rolle. Nützlichkeit war das einzig Wichtige. Als mein neun Jahre älterer Bruder eine neue Windjacke erhielt, schielte ich als Siebenjährige neidisch nach dem guten Stück und rechnete aus, wie lange es dauern würde, bis das begehrte Objekt bis zu mir durchgereicht werden würde.
Im Nachhinein kann ich mit Sicherheit behaupten, dass
unsere Eltern keinerlei Unterschiede zwischen den
Mädchen und Jungen machten, für damalige Verhältnisse
noch keineswegs eine Selbstverständlichkeit.
Diese Normierung traf auf alle Kleidung zu, so trugen
zum Beispiel auch die Jungen Leibchen mit den schrecklichen
Strumpfbändern und selbst gestrickten, kratzenden
Strümpfen. Wir Jüngeren hatten stets einen kritischen
Blick auf die Vornanstehenden, dass sie ja auch
pfleglich mit den zu erwartenden Stücken umgingen.
Die Gleichbehandlung bezog sich aber auch auf Erziehungsmaßnahmen.
So kann ich mich gut erinnern, dass
mein Vater, sehr erbost über den Lärm im oberen Stockwerk,
aus der Praxis hochstürmte und ohne weitere
Befragung reihum die Hosenböden bearbeitete und wortlos
wieder verschwand.
Gemeinschaftlich hockten wir nun zu viert unter dem
Flügel und weinten in Harmonie ob dieser Ungerechtigkeit.
Den stärksten Eindruck hinterließ bei mir eine Strafmaßnahme, die ich lange nicht verkraften konnte. Die großen Geschwister besaßen gemeinsam zwei hochaktuelle Tretroller, beneidet von den Kindern der ganzen Umgebung. Erst, als sie über diesen Spaß hinausgewachsen waren, kam ich an die Reihe. Zuvor hatte mein Vater uns informiert, dass in Zukunft einer der Roller für uns ausreichend sei, und er den zweiten an das Kinderheim, das er betreute verschenken würde. Bei meiner ersten alleinigen Ausfahrt muß mich irgendeine anderweitige Beschäftigung abgelenkt haben, jedenfalls kehrte ich ohne Gefährt zurück. Die gemeinsame Suche am nächsten Tag blieb, wie zu erwarten, erfolglos. Der noch vorhandene Roller wurde verschenkt.
Eine besondere Unannehmlichkeit für die Erwachsenen waren die häufigen Stromsperren. Wir Kinder verdanken dieser Tatsache unsere Liebe zu den Büchern. Mitten im Zimmer war ein Fahrrad aufgebockt und einer meistens einer der Jungen mußte nun eifrig treten, damit die Beleuchtung über den Dynamo ausreichte, damit der Vater uns vorlesen konnte.
Leider wurde die musikalische Begabung meiner Mutter, die ausgebildete Sängerin war, nicht in gleicher Weise weitergegeben. Eine passive Leidenschaft für die damals gängige Musik wurde jedoch bei mir angelegt, da regelmäßige Musikabende stattfanden, bei denen Ausschnitte von Oper und Operette zur Aufführung kamen.
Welchen Stellenwert wir Kinder hatten, erschließt sich für mich nachträglich aus der Tatsache, dass jedes Jahr an unserem Geburtstag die im Hause befindliche Praxis geschlossen blieb, und wir im gesamten Haus Verstecken spielen durften. Anläßlich unserer diesjährigen goldenen Konfirmation wurde ich genau auf dieses herrliche "Tobendürfen" angesprochen. Ob es vielleicht auch Kuchen gab ist mir daneben nicht erinnerlich. Die vielen zusätzlichen Kinder auch abends zu verköstigen kam nicht in Frage.
In unserer Straße standen typische Vorstadtvillen der zwanziger Jahre, die sofort alle von den Russen nach dem Einmarsch beschlagnahmt wurden. An unserem Gartenzaun stand ein großes Schild: "Tuberkulose Ansteckungsgefahr". Damit konnten wir glücklicherweise in dem Eckhaus am Straßenende bleiben.
Ab 1947 hatten wir ein Hausmädchen mit Familienanschluß. Sie war Donauschwäbin und kam aus Rumänien. Von dort war sie drei Jahre zuvor in ein russisches Arbeitslager verschleppt worden, in dem ihre Schwester verhungerte. Ihre einjährige Tochter hatte sie bei den Großeltern zurücklassen müssen. Sie sah ihr Kind erst nach 13 Jahren wieder, bis dahin genoß ich die Liebe zweier Mütter. Ihre besonderen Gefühle waren nachvollziehbar, wenn täglich die russischen Soldaten durch diese Straße marschierten. Wir Kinder saßen dann jedesmal auf dem Terrassenboden in Deckung und feixten, während sie unseren Hund aus der sicheren Entfernung des ersten Stockwerks aufhetzte. Dieser ließ sich durch die im Gleichschritt knarrenden Stiefel auch wunderbar in Rage bringen. Eines Tages sprang er in seinem Koller auf den Tisch, verlor das Gleichgewicht und rutschte das Vordach hinunter. Wir waren lange aufgeregt bemüht, ihn wieder aus der Dachrinne zu angeln. Vater unterband mit einem Machtwort weitere derartige Aktivitäten.
Für uns und unsere Schulfreunde war es selbstverständlich, dass wir neben der Schule an freiwilligen, von den Eltern finanzierten Religionsstunden teilnahmen, da diese aus dem normalen Unterricht eliminiert waren. Im Familienkreis wurde sowohl über Gott als auch über Ethik gesprochen. [ ]
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