1932 wurde ich als einziges Kind meiner Eltern C. in Memel, der nordöstlichsten Stadt Deutschlands und ältesten Ostpreußens geboren. Mein Vater war am dortigen Gericht Staatsanwalt, meine Mutter hatte, wie damals üblich, mit der Eheschließung ihren Beruf als Chefsekretärin der Memeler Zeitung aufgegeben.
Obwohl ich als Kind von den politischen Wirren außer eventuell atmosphärischen Störungen im zwischenmenschlichen Bereich kaum etwas Belastendes empfunden habe, waren die deutschen Bürger in Memel und dem umliegenden sogenannten "Memelland" bis südlich zum Flusse Memel erheblich eingeengt und diversen Schikanen von Seiten der Litauer ausgesetzt. Diese hatten, nachdem das Gebiet nach dem Versailler Vertrag von Deutschland abgetrennt und zum "autonomen Gebiet" unter französischer Schutzbesatzung erklärt worden war, in einer Überfallaktion 1923 das Land besetzt und es zum litauischen Staatsgebiet erklärt.
Nach einem kurzen Kampfgefecht zogen die französischen Truppen ab und der Völkerbund ließ die Litauer gewähren. Die folgenden Repressalien gegen die deutsche Bevölkerung waren z. T. erheblich: alle Deutschen sollten entweder schleunigst auswandern oder zu überzeugten Litauern werden. Von 1926 bis 38 wurde sogar das Kriegsrecht über das Gebiet verhängt, um gegen Widerständler besser vorgehen zu können. 1939 – ein halbes Jahr vor Kriegsausbruch – wurde das Memelland durch einen Vertrag zwischen Litauen und Hitlerdeutschland wieder an Deutschland angegliedert.
An den triumphalen Einzug von Hitler und die dankbare
Begeisterung der Bevölkerung kann ich mich noch gut
erinnern. Ich war damals 6 Jahre alt und gerade eingeschult.
Bis meine Eltern nach dieser Vorgeschichte und mit
einem Defizit an Informationen von 7 Jahren beginnen
konnten, die politischen Gegebenheiten kritisch zu
bewerten, war der Krieg schon auf dem Höhepunkt.
In Memel lebten wir in engen familiären Bindungen. Großvater, Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen wurden häufig besucht. Wir verbrachten reichlich Zeit miteinander. Im Sommer wurden an der Dorfstraße in Schwarzort auf der Kurischen Nehrung Fischerhäuser gemietet, in denen unsere Familien nebeneinander wohnten.
Eingeschult wurde ich natürlich in eine reine Mädchengrundschule. Wir waren der erste Jahrgang, der wegen der eben geschilderten politischen Gegebenheiten nicht mehr Litauisch als Pflichtfach im Stundenplan hatte wie meine älteren Cousins und Cousinen.
1940 ließ sich mein Vater an das Landgericht Allenstein versetzen, nicht zuletzt, um nicht wieder Grenzlandschwierigkeiten ausgesetzt zu sein. 1943 wurde er zur Wehrmacht eingezogen, so daß meine Mutter und ich allein blieben, allerdings wurde unsere Wohnung ab 1944 voller und voller. Verwandte aus Tilsit und mein Großvater aus Memel kamen zu uns, weil das nördliche Ostpreußen wegen der herannahenden Ostfront evakuiert wurde. Außerdem wurde eine Mutter mit vier kleinen Kindern aus dem südlichen Ostpreußen bei uns einquartiert aus dem gleichen Grunde. Allenstein galt damals noch als sicher; wahrscheinlich hoffte man – und die ostpreußische Bevölkerung auch – auf ähnliche Siege an den Grenzen Ostpreußens wie seinerzeit am Beginn des 1. Weltkrieges unter Feldmarschall Hindenburg und Ludendorff.
Aber dem war nicht so: zum Ende des Jahres 1944 wurden neue Transporte zusammengestellt, mit denen alle Kranken und kinderreichen Familien, also gerade diejenigen, die zu uns geflüchtet waren, nach Sachsen gebracht wurden. Wir als Einheimische sollten nicht flüchten und blieben auch – bis einen Tag vor der Besetzung Allensteins durch die Russen. Dann begann inmitten einer unübersehbar großen, angsterfüllten, drängenden, in ihrer Verzweiflung sich selbst überlassenen Menschenmenge auch unsere Flucht […]
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