I., 1940

I. W. (*1936)

Wir alle haben die Erfahrung, dass Erinnerungen Lücken aufweisen und überhaupt im Nachhinein persönliche Interpretationen erfahren, mit anderen Worten, die Schilderung eines gleichen Ereignisses oder Sachverhalts wird in der Erinnerung von den einzelnen Beteiligten sehr unterschiedlich wiedergegeben.

Besondere prägende Ereignisse in Krisensituationen sind hier nicht ausgenommen. Sie haben allenfalls einen stabileren Platz im Gedächtnisspeicher und werden im Rückblick leichter wieder lebendig. Es sind jedoch immer nur Bruchstücke von Bildern, die wiedererstehen. Im Folgenden versuche ich einige Episoden aus meiner Kindheit zu erzählen, die noch sehr lebendig sind.

Erste Episode (1939):

Meine früheste Erinnerung ist die siegreiche Rückkehr der deutschen Truppen aus dem Polenfeldzug. Mein Vater war als junger Jurist und Finanzbeamter in das damalige Protektorat Böhmen- Mähren nach Karlsbad/Sudentenland versetzt.

Die kleine Familie, ich hatte noch einen älteren Bruder, war ihm aus dem Rheinland gefolgt. Ich war gut drei Jahre alt und durfte vom Fenster aus den Truppenrückzug mit den geschmückten Pferden und Panjewagen unter dem Jubel der Bevölkerung mit ansehen. Plötzlich rief jemand: "Nehmt das Kind vom Fenster weg, da ist ein Pferd gefallen". So wurde ich also strampelnd aus dem Zimmer getragen, gerade die Pferde waren für mich ja das Wichtigste.

Im Übrigen spielte das Kriegsgeschehen für uns Kinder keine Rolle, es gab noch keinerlei echte Entbehrungen. Als mein Vater dann nach Holland mußte, zog die Familie mit und wohnte bei einem älteren holländischen Ehepaar. Meine Mutter wollte mehr im Westen bleiben, die Familie zusammenhalten und, da sie gut holländisch sprach bzw. flämisch aus ihrer "au pair" Zeit nach dem ersten Weltkrieg in Antwerpen, wurden wir als Besatzer freundlich aufgenommen. Hier gibt es für mich eine Menge Erinnerungen an den Strand in Scheveningen, an das nächtliche Meeresrauschen und an die Vorschule, die ich schon besuchen durfte mit dem Schulweg durch den Wald (Haagsche Bosch) und über die Gracht.

Die letzten drei Kriegsjahre wurde mein Vater nach Berlin versetzt, die Familie ging nach Karlsbad zurück. Für uns Kinder gab es die Einschulung, den Fliegeralarm und den Luftschutzkeller. Dennoch war es eine glückliche Kindheit mit langen Sommern und Wintern ohne Schulstreß, da der Unterricht oft ausfiel. So kann ich mich an keine Lehrerin oder an Klassenfreundinnen oder Schulgebäude erinnern.

Für den Sieg mußten auch wir Kinder, was verwertet werden könnte, z.B. Kastanien oder Knochen sammeln. Wir verbrachten unsere Tage auf den Straßen und in den Parks, ich war das einzige Mädchen in einer Bande von Jungen. Zwischen den Notabwürfen der englischen Bomberverbände sammelten wir Splitter, kraxelten in den Steinen des für Notfälle ausgehobenen Löschwasserteichs und bauten dort Unterstände, und als unsere Markthalle in Brand geriet, deckten wir uns mit gebranntem Zucker und angekohltem Sauerkraut ein.

Wie alle Kinder unserer Straße waren wir vaterlos, meine Mutter stand bei Angriffen als Luftschutzwart unter der Haustür, um Passanten hereinzulassen und war im Dauerclinch mit unserem alten Hausmeister, der Blockwart war und bei jedem Vorfall Meldung machte. Wehe, wir kamen am Sonntagmittag nicht zum Eintopfessen.

Eine Erinnerung habe ich noch an den Schwimmunterricht an der Angel in der Eger, die durch die Holzplanken der Absperrung floß. Der Schwimmeister rief "eins und zwei" und ließ uns dann ins Wasser absinken, und notgedrungen lernten wir uns über Wasser zu halten.
Großen Eindruck machten mir auch die vielen singenden und marschierenden Kinder aus dem Westen in der Kinderlandverschickung, die ja aus der Heimat kamen. Da war es Ehrensache mitzumarschieren.

Eine deutliche Erinnerung wie an eine Wende habe ich an den Tag des 20. Juli 1944, an dem mein Vater den letzten Heimaturlaub hatte. Die Nachricht aus dem Volksempfänger "der Führer lebt" wurde stumm entgegengenommen. Mein Kinderglaube vom Sieg geriet völlig ins Wanken, als zu Hause vom baldigen Kriegsende und von Kapitulation die Rede war. Es war alles streng vertraulich, zu niemandem durften wir sprechen, was wir beim Gespräch der Eltern über das nahe Kriegsende gehört hatten. Für mich bedeutete erstmalig der Krieg unmittelbare Gefahr.

Die letzte Erinnerung an das vergleichsweise vom Krieg verschonte Karlsbad ist unsere Erstkommunion. In Anbetracht der ungewissen Zukunft wurde ich einfach mit meinem Bruder zur Feier mitgenommen. Es konnten keine Verwandten aus dem Rheinland kommen, und die Geschenke blieben auch aus. Auch mein Vater kam nachts von Berlin ohne Urlaubsschein und fuhr gleich wieder zurück. Auf dem Karlsbader Bahnhof sah ich ihn zum letzten Mal.

Ich haßte mein weißes Kommunionskleid, da es ein selbstgeschneidertes Hängerchen mit sogenanntem Smoke war, mein Bruder bekam auf Bezugschein einen Anzug. "Salz und Pfeffer" und Knickerbocker wegen der Zweckmäßigkeit, und ich habe ihn sehr beneidet, da ich damals lieber ein Junge gewesen wäre.
Es hat für mich keinen vorbereitenden Religionsunterricht gegeben, in der Schule ohnehin nicht. Ich wurde einfach in die Riege der Kinder, die vorbereitet waren, gestellt, nachdem ich vorher dem Prälaten im langen schwarzen Talar in der Sakristei, was für mich fast das Allerheiligste war, die Zunge mehrmals herausstrecken musste, bis er zufrieden war, dass ich es wohl in der Messe dann richtig machen würde.

Zweite Episode (1945):

Der nahe Zusammenbruch hat meiner Mutter dann eine schwere Entscheidung abverlangt. Der innere Drang, wieder vor den Russen nach Westen zu kommen, hat sie veranlaßt, bei den vorbeiziehenden Truppen und Flüchtlingstrecks eine Möglichkeit zu suchen, Karlsbad zu verlassen. Freunde und Nachbarn holten uns zurück, die nicht ahnten, dass nicht nur wir, sondern auch sie das Land nach langer Zwangsarbeit verlassen mußten. Erst als die Amerikaner, die Karlsbad besetzt hatten, sich zurückzogen, um die Rote Armee hereinzulassen, kam es ab Mitte Mai nach der Kapitulation zu Plünderungen und Ausschreitungen, worauf wir bei Tagesanbruch mit einem Koffer und einem Ballen Decken auf meinem Puppenwagen, das Fahrrad war längst beschlagnahmt, bei Tagesanbruch die Stadt verließen. Da die Egerbrücke gesperrt war, blieb uns nur der Weg durch den Wald […].

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