Familie H., 1942

I. H. (*1938)

Tempora mutantur nos et mutamur in illis.

Wie stark mag wohl meine heutige Erinnerung an die Ereignisse der 40iger Jahre von der damaligen Realität abweichen? Meine Zeitzeugen leben nicht mehr und wirklich Spektakuläres habe ich nicht erlebt.

Ich habe Glück gehabt: Die Zeit des Krieges und des Nachkrieges war für mich keine Zeit der Angst oder der Unsicherheit. Wir lebten damals in Kelsterbach bei Frankfurt/Main. Mein Vater war u. k. gestellt: der Textilbetrieb, in dem er die Produktion leitete, wurde auf „Fallschirmseide“ umgestellt und war wichtig. Deshalb war er zu Hause. Geschwister hatte ich nicht. Das 1. Kind meiner Eltern war 2 Jahre vor meiner Geburt gestorben, so daß ich die ungeteilte Aufmerksamkeit und Liebe von Eltern und Großeltern erhielt.

Ab 1942 gab es zunehmend Fliegeralarm. Wir wohnten in der Nähe des Frankfurter Flughafens, eines begehrten Ziels der Alliierten Luftangriffe. Wenn die Sirenen heulten, wurde die Wäsche von der Leine genommen, da besonders weiße Wäsche ein Ziel sein konnte, wie wir dauernd aus dem Radio ermahnt wurden. Wenn die Sirenen heulten, hatten wir Kinder sofort nach Hause und dort in den Luftschutzraum zu laufen, meist in den Keller. Vor dem Fenster des Luftschutzraumes befand sich ein gemauerter Block, der zwar Frischluft vorbei ließ, aber der auch vor Splittern und Druckwellen schützen sollte. Der Block wurde mit roter Farbe gekennzeichnet, damit nach einem Volltreffer des Hauses eventuell Retter gleich an der richtigen Stelle graben konnten.

Im Luftschutzraum gab es Bänke, einen Tisch und mein Kinderbett. Ich erinnere mich, daß ich oft nachts in den Keller getragen wurde und dort wahrscheinlich weiter schlief. Wenn meine Eltern abends eingeladen waren, wurde ich mitgenommen und bei den Gastgebern in ein Bett gelegt. Nachts ging es dann nach Hause, in dem sehr schneereichen Winter 1942 auch auf dem Schlitten. Nur einmal fiel in all den Jahren ein Bombenteppich auf unsere Straße, ein Haus wurde zerstört, es starben sieben Menschen. In unserem Garten ging ein Blindgänger nieder, er richtete jedoch keinen Schaden an.

Flüchtige Episoden tauchen in der Erinnerung auf: "Du darfst niemandem sagen, daß Vater Radio hört!" ??
Erst etwa 40 Jahre später hörte ich zufällig im Radio die Erkennungsmelodie von Radio BBC London, dem Sender des Feindes. Es war gefährlich ihn zu hören. Vater fragte Mutter, ob sie glaube, was über den Mord an Juden gesagt wurde oder ob das alles zersetzende Propaganda von den Feinden sei. Dies könne doch nicht wahr sein.

Am 14.Februar 1945 versuchten die Eltern über Stunden, Telefonverbindung nach Dresden zu bekommen, wo die Großeltern mütterlicherseits wohnten […]

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