Am 1.12.1923 wurde ich als erstes Kind von Dr. Albert Siebel, Augenarzt, und seiner Frau Ilse, geb. Lang,in Siegen geboren. An diesem Tag war auch das Ende der Inflation. So legte mein Vater der glücklichen Mutter statt Blumen einen Geldschein auf die Bettdecke, eine deutsche Reichsmark. Einen Tag zuvor war noch eine deutsche Mark eine Billion wert.
Gleich nach dem Schulbeginn im April 1934 erkrankte ich an einer schweren Diphtherie, mußte im Elternhaus von einer Krankenschwester betreut und von meinen Geschwistern isoliert werden. Den ganzen Sommer über konnte ich nicht zur Schule gehen. Während dieser Epidemie verstarben auch einige Schülerinnen, und wir gingen jedes Jahr am Totensonntag zu ihren Gräbern.
Wir hatten einen schönen Garten, ebenso wie unsere Nachbarn, und so spielten wir entweder bei ihnen oder bei uns im Sandkasten. Im nahegelegenen Kirchgarten sammelten wir "Goldsteine" oder spielten "Räuber und Schanditz".
Im Anschluß an die Volksschule besuchte ich bis zum Abitur 1942 das Siegener Oberlyzeum für Mädchen. An Geburtstagen wanderten wir mit meiner Mutter und der Kindergesellschaft in den Wäldern und kehrten oft in den uns bekannten Gastwirtschaften der Nachbargemeinden ein. Hier gab es dann "Dicke Milch mit Zimt und Zucker".
Zu dieser Zeit gehörten wir zumeist den Jungmädeln an, die Jungen dem Jungvolk. Auch zum Kindergottesdienst gingen wir gemeinsam, wie später zum Konfirmandenunterricht. Bei den Jungmädeln haben wir viel gebastelt, ganz viel gesungen und geflötet. Auch in der Schule spielte das Singen im Chor eine große Rolle. Wir gaben sogar ein Konzert. Später, ab 1940, wurden auch Frontbriefe an unsere Freunde geschrieben und Geschenke für sie gebastelt. Sonnabends war jeden Monat ein sogenannter Staatsjugendtag. Auch dieser wurde meist mit Wandern und Singen in den Siegerländer Wäldern verbracht.
Als ich fünfzehn Jahre alt war, begann der Krieg. Überall musste gespart werden. Altmaterial wurde gesammelt. So fuhren wir eines Tages mit einem Leiterwagen zur Sieg, dem Fluß, der durch unsere Stadt fließt. In diesen Fluß war ein Flugzeug abgestürtzt, und die Trümmer lagen im Flußbett. Wir trugen einige Blessuren beim Waten durch das Wasser und beim Aufsammeln der Trümmer davon. Mit dem vollen Leiterwagen zogen wir fröhlich durch die Stadt wieder zur Schule zurück. Der Erlös brachte uns einen beachtlichen Geldbetrag ein, den wir für unsere Reise nach Weimar verwendeten.
Diese Reise machten wir kurz vor dem Abitur mit unserem Klassenlehrer. Wir nahmen an der "Woche der Jugend" teil, eine unvergeßliche Woche im Jahr1941. Wir wohnten in Privatquartieren und wurden mittags in der Weimarhalle verpflegt. Jeden Tag gab es eine Aufführung, an der Schülerklassen aus ganz Deutschland teilnahmen. Unser Programm:
1. Tag: Wallenstein.
2. Tag: Die Nibelungen.
3. Tag: Minna von Barnhelm.
4. Tag: Iphigenie auf Tauris.
Wir waren begeistert.
Nach der erlebnisreichen Woche in Weimar fuhr ich nicht mit den anderen Klassenkameradinnen nach Siegen zurück, sondern zum Ferieneinsatz nach Niederschlesien. Mein Bruder leistete dort auf einem großen Gut seine Hilfe und ich im Waldgut Weißfurt, wo fünf kleine Kinder betreut wurden und ich bei der Ernte helfen mußte […]
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