Es war irgendwann im Jahr 1945 in Laasphe im
Wittgensteiner Land nördlich von Marburg.
Der "Krieg" – für mich, die ich bald vier Jahre alt sein
würde, ein abstraktes Wort, aber es bedeutete ANGST –
BEDROHUNG – FURCHT – ja TOD – vielleicht auch
für mich – und was TOD hieß, wusste ich, dieser
"Krieg" war angeblich zu Ende. Die Stimmung hatte
sich geändert.
Weiterhin seufzten, schrieen und schimpften alle Erwachsenen, aber lauter und nicht so gedrückt, mutlos und ängstlich. Sie seufzten, schimpften und schrieen über:
1. die Wohnsituation – das riesige, großelterliche Haus
platzte aus allen Nähten. In den einzelnen Zimmern
wohnten ganze Familien.
Das Schlafzimmer im
Obergeschoß war Refugium des alten Bierbrauers und
seiner Frau, meiner Großeltern mütterlicherseits. Im
Nähzimmer wohnte sein ältester Sohn, auch Bierbrauer,
mit Frau. (Sein jüngerer Bruder, der Chirurg, war bei
Stalingrad vermißt, der Jüngste der drei Brüder war als
verträumter 18-jähriger Junge mit Not-Abi versehen von
Scharfschützen gleich bei der Ankunft an der Ostfront
getötet worden.)
Im Kinderzimmer wohnten meine Oma
väterlicherseits und die jüngste Schwester meines Vaters,
eine junge Kriegerwitwe, mit meinem gleichaltrigen
Cousin. Sie waren vor der zusammenbrechenden
Westfront aus der Eifel geflüchtet.
In den Mansarden
unter dem Dach wohnte ein einarmiger Mann. Es hieß,
er habe seinen rechten Arm "im Krieg verloren". Wie
das möglich war, war mir unklar, jedenfalls konnte er
mit der linken Hand Brot schmieren, Schuhe binden und
sogar Fliegen aus der Luft fangen!
Und in den Mansarden
unter den Dachschrägen schliefen wir, meine Mutter
und meine drei Brüder. Mit fast vier Jahren hatte ich
schon zwei kleinere Brüder und den älteren Bruder
natürlich.
2. Die Besatzung – wir wurden von den Engländern "besetzt" – noch so ein Wort. Es kamen lange Männer in grünen, fremden Uniformen mit unverständlicher Sprache, die das ganze Haus von den Mansarden bis zum Keller nach Waffen durchsuchten. Sie wurden fündig. Opa und Onkel waren seit Jahrzehnten im örtlichen Schützenverein. Aber das, was unter den die "Besatzer" begleitenden Erwachsenen eine Hysterie auslöste, nämlich, daß mein großer Bruder die Tapete in einem Zimmer so hoch wie er reichen konnte penibel mit unzähligen Hakenkreuzen bemalt hatte, wurde von den "Besatzern" weit weniger schlimm vermerkt. Die Brauerei meines Opas wurde "besetzt". Es standen Wachtposten am Tor, mit denen ich alsbald anbändelte, egal, was meine Oma sagte("Du darfst von unseren Feinden nichts annehmen!").In Kürze sprach ich fließend englisch – have you chewing gum? Have you chocolade? And they had! Ich fand "Besatzung" prima.
3. Über den allgemeinen Mangel – an Essen, Kleidung, Schuhen, Schnürsenkeln, Seife, Windeln, usw., usw., usw.. Not machte erfinderisch, alte Künste waren gefragt. […]
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