H. vor dem Haus der Großeltern, 1945

H. F. (*1941)

Die Ankunft der Flüchtlinge

Es war irgendwann im Jahr 1945 in Laasphe im Wittgensteiner Land nördlich von Marburg.
Der "Krieg" – für mich, die ich bald vier Jahre alt sein würde, ein abstraktes Wort, aber es bedeutete ANGST – BEDROHUNG – FURCHT – ja TOD – vielleicht auch für mich – und was TOD hieß, wusste ich, dieser "Krieg" war angeblich zu Ende. Die Stimmung hatte sich geändert.

Weiterhin seufzten, schrieen und schimpften alle Erwachsenen, aber lauter und nicht so gedrückt, mutlos und ängstlich. Sie seufzten, schimpften und schrieen über:

1. die Wohnsituation – das riesige, großelterliche Haus platzte aus allen Nähten. In den einzelnen Zimmern wohnten ganze Familien.
Das Schlafzimmer im Obergeschoß war Refugium des alten Bierbrauers und seiner Frau, meiner Großeltern mütterlicherseits. Im Nähzimmer wohnte sein ältester Sohn, auch Bierbrauer, mit Frau. (Sein jüngerer Bruder, der Chirurg, war bei Stalingrad vermißt, der Jüngste der drei Brüder war als verträumter 18-jähriger Junge mit Not-Abi versehen von Scharfschützen gleich bei der Ankunft an der Ostfront getötet worden.)
Im Kinderzimmer wohnten meine Oma väterlicherseits und die jüngste Schwester meines Vaters, eine junge Kriegerwitwe, mit meinem gleichaltrigen Cousin. Sie waren vor der zusammenbrechenden Westfront aus der Eifel geflüchtet.
In den Mansarden unter dem Dach wohnte ein einarmiger Mann. Es hieß, er habe seinen rechten Arm "im Krieg verloren". Wie das möglich war, war mir unklar, jedenfalls konnte er mit der linken Hand Brot schmieren, Schuhe binden und sogar Fliegen aus der Luft fangen!
Und in den Mansarden unter den Dachschrägen schliefen wir, meine Mutter und meine drei Brüder. Mit fast vier Jahren hatte ich schon zwei kleinere Brüder und den älteren Bruder natürlich.

2. Die Besatzung – wir wurden von den Engländern "besetzt" – noch so ein Wort. Es kamen lange Männer in grünen, fremden Uniformen mit unverständlicher Sprache, die das ganze Haus von den Mansarden bis zum Keller nach Waffen durchsuchten. Sie wurden fündig. Opa und Onkel waren seit Jahrzehnten im örtlichen Schützenverein. Aber das, was unter den die "Besatzer" begleitenden Erwachsenen eine Hysterie auslöste, nämlich, daß mein großer Bruder die Tapete in einem Zimmer so hoch wie er reichen konnte penibel mit unzähligen Hakenkreuzen bemalt hatte, wurde von den "Besatzern" weit weniger schlimm vermerkt. Die Brauerei meines Opas wurde "besetzt". Es standen Wachtposten am Tor, mit denen ich alsbald anbändelte, egal, was meine Oma sagte("Du darfst von unseren Feinden nichts annehmen!").In Kürze sprach ich fließend englisch – have you chewing gum? Have you chocolade? And they had! Ich fand "Besatzung" prima.

3. Über den allgemeinen Mangel – an Essen, Kleidung, Schuhen, Schnürsenkeln, Seife, Windeln, usw., usw., usw.. Not machte erfinderisch, alte Künste waren gefragt. […]

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