E., 1945

E. S-Z. (*1941)

Kindheitserinnerungen

Meine Eltern lebten während der Kriegsjahre in Mirow bei Neustrelitz in Mecklenburg–Vorpommern. Mein Vater arbeitete als Chemiker bei der damaligen Luftwaffenerprobungsstelle in Rechlin. Wie ich später erfuhr, sollte er herausfinden, wie man das Vereisen von Flugzeugscheiben in größeren Höhen verhindern könne.

Eigentlich stammte meine Familie aus Hessen, der Pfalz und aus Schlesien. Zu meiner Geburt begab sich meine Mutter in die Obhut meiner Großmutter nach Oberursel bei Frankfurt. Geboren wurde ich dann im Nachbarort Bad Homburg v.d.H.

An meine ersten drei Lebensjahre habe ich kaum Erinnerungen: Ich sehe noch sandige Wege, Holzstege und glitzerndes Wasser.

Dann kam die Flucht. Wann das genau war, weiß ich nicht, wahrscheinlich Anfang 1945. Mein Vater war in den letzten Kriegsmonaten noch eingezogen worden, hatte aber die Flucht aus Mirow noch organisieren können.

In meiner Erinnerung befinde ich mich im Inneren eines Lastwagens bei schummrigem Licht auf einem Brett liegend. – Dann irgendwann in einem engen Zimmer auf einem Bett.–
Wir waren in Wallsbüll, einem kleinen Ort bei Flensburg untergekommen.

Haus in Mirow, 1941

Viele Jahre später lernte ich die Frau bewusst kennen, die uns damals in ihrem Haus aufnahm. Sie war Dänin und mit einem deutschen Polizisten verheiratet. Vielleicht hatte sie als Angehörige einer Minderheit ein besonderes Einfühlungsvermögen dafür, wie es Menschen in fremder Umgebung und auf der Flucht zu Mute war.

Meine Mutter hatte an ihrem Haus geklingelt und sie um heißes Wasser gebeten, worauf sie ihr anbot uns aufzunehmen.- Froh, ein Dach über dem Kopf zu haben, nahm meine Mutter dieses Angebot gerne an, und wir bezogen mit meiner Schwester ein kleines Zimmer.

Meine Mutter, eine gelernte Schneiderin, sorgte nun durch Näharbeiten für andere Leute im Ort für unseren Unterhalt. Wir blieben bis Oktober 1945 in Wallsbüll. Dann kehrten wir zu meiner Großmutter nach Oberursel zurück. Aus dieser Zeit erinnere ich mich an brechend volle Züge und Koffer, die einfach in die Fenster geworfen wurden, bevor die Menschen versuchten selbst in den Zug zu kommen. Kinder lagen in den Gepäcknetzen. Irgendwo gab es einen Zwischenstop zum Übernachten in einem ehemaligen Bunker. Viele Menschen übernachteten in einem Raum mit Stockbetten aus Metall.

Bei der Ankunft in der Wohnung meiner Großmutter schüchternes Entlangtasten an einer dunkelblauen, golddurchzogenen, düster wirkenden Tapete und freudiges in Besitznehmen eines vom Onkel selbstgebauten Dreirades. Hier lebten wir nun mit Großmutter und Onkel zu sechst in drei Zimmern.

Die Nachkriegsjahre

Meine Mutter sorgte weiter durch Näharbeiten für unseren Unterhalt. Meist bekam sie dafür Naturalien, wie z.B. Brot. Ich durfte sie begleiten und kann mich noch gut an den wunderbaren Duft nach frischem Brot in der Bäckerei erinnern, wo sie öfter nähte. Auch zu Hause gelang es ihr aus gewendeten, alten Anzügen und anderen Stoffresten schöne Kleidungsstücke herzustellen für die ganze Familie.

Wir Kinder stehen auf der Straße und winken den vorbeifahrenden amerikanischen Soldaten in ihren Jeeps und Lastwagen zu. Sie werfen uns köstliche Schokolade und Weißbrot herab.

Ich mag keine Kleiesuppe mehr essen und auch keinen Lebertran schlucken. Wir sind oft im Wald und sammeln Bucheckern und Esskastanien. Aus den Bucheckern wird Speiseöl gepreßt. Wir stoppeln Kartoffeln auf den abgeernteten Feldern.
Die Erwachsenen tuscheln von "Amiliebchen" in der Nachbarschaft.
Mein Vater wird aus englischer Gefangenschaft entlassen, muß aber für ein Jahr im Wald arbeiten, als Strafe für seine Partei- und SA-Zugehörigkeit. (Davon erfahre ich aber erst viele Jahre später.) […]

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