Geburtstagskind E., 1926

E. M. (*1922)

Geboren wurde ich am 28. Juli 1922 abends. In der davorliegenden Nacht gingen meine Eltern zu Fuß zur Klinik, die sich in der Nähe befand. Es war sehr kalt damals. Die Pfützen hatten eine Eisschicht. Da große Wohnungsnot herrschte, wohnten meine Eltern bei meinem Großvater väterlicherseits. Erst Ende 1924 bekamen meine Eltern eine eigene Wohnung. Die Zeiten nach dem 1. Weltkrieg waren für uns keine "goldenen Jahre". Überall, auch in unserer Familie herrschte große Not.

Zur Erinnerung: Ende 1922 begann die Inflation. Das bedeutete: Der Wert des Geldes wurde unvorstellbar rasch geringer. Wenn mein Vater sein Gehalt bekam, lieferte er es sofort bei meiner Mutter ab, damit sie mit dem Geld sofort Lebensmittel kaufen konnte. Das Gehalt wurde in Teilbeträgen täglich ausgezahlt. Schon 1 Stunde später konnte man u. U. nicht mehr das Gewünschte für den gleichen Preis bekommen. Ein Beispiel dazu: Mein Großvater verlor über Nacht seine ganzen Ersparnisse.

Von großer Bedeutung für mich und meine Schwester war die Verwundung meines Vaters, die er im 1. Weltkrieg erlitt. In Nordfrankreich im Grabenkrieg prallte ein Granatsplitter an seinen Stahlhelm und zertrümmerte seinen Unterkiefer. Er kam in das Krupp’sche Lazarett in Wenden an der Ruhr. Dort wurde er sehr gut behandelt und hatte das große Glück von den beiden besten Kieferchirurgen Deutschlands der damaligen Zeit behandelt zu werden. (Dies erfuhren wir später von meinem Chef der Zahnklinik in Breslau, Prof. Euler).
Äußerlich waren kaum auffallende Narben zu sehen, aber die Zahnprothesen saßen sehr schlecht, sie wackelten, infolgedessen konnte mein Vater auch schlecht kauen. Deshalb wurde er in besonderer Weise von meiner Mutter umsorgt. Mein Vater war eine Frohnatur, beim Zähne putzen und Gurgeln sang er, was uns Kinder besonders belustigte.

In jener Zeit herrschte in Hannover eine Typhusepidemie. Wenn wir Kinder auf der Straße spielten, sahen wir auf der entfernteren Hauptstraße lauter Leichenwagen fahren.

In jener Zeit entwickelte sich auch die Arbeitslosigkeit zu einer Katastrophe. Wir wohnten hinter der Christuskirche, meine Großeltern in der Haarstraße hinter dem Landesmuseum. Diesen Weg ging meine Mutter mit uns beiden Mädchen – wir waren 3 und 5 Jahre alt – ca. 1 mal pro Woche zu Fuß, um das Fahrgeld zu sparen. Die Entfernung dieser Strecke betrug ca. 3-4 km. Für uns Kinder war das kein Problem. Wir konnten gut laufen. Auf diesen Wegen sahen wir die lange Schlange der Arbeitslosen, die jeden Tag zum Arbeitsamt gehen mußten, um zu stempeln. Das Arbeitsamt befand sich in der ehemaligen Kaserne am Königsworther Platz. Die Schlange endete am Beginn der Nordmannstraße, heute Nordmannpassage. Ich hatte damals Angst, wenn ich die Männer sah, die so herumlungerten -saßen oder -standen. Erst später ist mir ihre trostlose Situation bewußt geworden. [...]

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