Einschulung 1941

E. B. (*1935)

"Sterbenswörtchen" – ein Paradigmenwechsel.

"Kein Sterbenswort! Zu niemandem! Hörst Du? Kein Sterbenswörtchen!"
Wie oft finden sich diese Sätze, diese Appelle, in der Literatur?
Was bedeutet dieser Begriff für mich persönlich?

An irgend etwas erinnerte mich dieser Begriff und ließ mich in der Vergangenheit bohren, immer wieder – und schließlich mit Erfolg: Es war etwa 1941, als meine Mutter sehr aufgeregt war wegen eines Schreibens, das sie aufforderte, sich zwecks Vernehmung in einem bestimmten Haus der Regierung einzufinden. Sie flüsterte mit Bekannten darüber, und ich – gern unter dem Tischtuch im Wohnzimmer versteckt – erfuhr Bruchstücke, geheimnisvoll, angstmachend, nicht verständlich für die Sechsjährige: "wenn Sie hereingekommen sind, können Sie nicht wieder hinaus, die Tür hat von innen keinen Türdrücker, wenn die ganz besonders freundlich sind, und sogar höflich, dann wird es besonders schlimm, passen Sie auf Ihr Geschäft auf, und auf die Wohnung, daß da bloß nichts Verbotenes vergessen wird; die schicken nämlich Rollkommandos, während Sie vernommen werden."

Völlig erschöpft kam meine Mutter nach Hause, alles Vorausgesagte war eingetroffen. So hatte sie schließlich genervt unterschrieben, gewisse Mißstände in vorgefertigten Bögen ca. alle 4 Wochen anzukreuzen.
Immerhin hatte sie es fertig gebracht, von den Abendveranstaltungen freigestellt zu werden, da sie beim Bedienen im Geschäft doch nun wirklich nicht auf das hören könne, was die Kundinnen sich erzählten.

Wieder einmal lagen die Fragebögen auf ihrem Schreibtisch, als eine Kundin bat, unser Telefon benutzen zu dürfen. Wir hatten den einzigen Fernsprechapparat in der Straße, also: "Klar, gehen Sie nur ruhig durch! Sie wissen ja, auf dem Schreibtisch rechts." Als Frau B. wieder im Laden erschien, um die Gebühren zu bezahlen, fiel meiner Mutter deren Blässe auf. Erregt meinte Frau B: "Ich wußte ja gar nicht, daß Sie auch dazugehören, sah nur gerade die Fragebögen liegen. Aber bei den Versammlungen sehe ich Sie nie."
Mutter konterte sofort: "Das kommt wohl daher, daß ich eine Sparte höher als Sie eingesetzt worden bin, nicht?" Schließlich durfte sie sich nicht dem Verdacht aussetzen, womöglich nicht 100%ig "linientreu" zu sein.

Sie war recht stolz auf diese flotte Antwort, dann aber wurde ich vergattert: "Das darfst Du aber niemals verraten, hörst Du? Auch nicht beim Spielen mit Silke und Eyke, wenn Ihr oben bei Frau B. seid! Ich schreibe ja nur, wenn z. B. einer im Notfall keine Hilfe leisten wollte oder, wenn unterernährte Kinder noch nie zur Erholung verschickt wurden. So schade ich keinem und tue doch so, als ob ich tüchtig mitarbeiten würde, klar! Aber, wenn das herauskommt, kann es sehr schlimm werden. Du weißt doch schon, daß Leute "abgeholt" wurden, die man nie wieder sah. Also, nichts verraten, auch nicht aus Versehen! Kein einziges, noch so kleines Sterbenswörtchen!"

Barmstedt

Der große Krieg war endlich vorbei, als ich 11 Jahre alt geworden war und mir meine Mutter genau diese Sätze sagte und eindringlich fortfuhr: "Es darf kein Mensch wissen, daß Deine Mutter bei der Gestapo war, klar? In dieser wilden Nachkriegszeit kann es für uns beide bedeuten, daß deine Mutter eingesperrt wird, und Du in ein Heim mußt. Wenn es ganz schlecht läuft, bedeutet es für mich sogar Lebensgefahr. Dann hättest Du nicht nur deinen Vater in Rußland eingebüßt, sondern würdest zur Vollwaise, verstanden? Ja?"
Und ob ich alles verstanden hatte! schweigen um jeden Preis! Also: "kein Sterbenswörtchen!" schon ein einziges Wort könnte Sterben bedeuten – auch nach dem Krieg.

Die Sandkistenfreundschaft – 1941

Adelinde, ein toller Name, wie ich fand; aber sie hieß bei uns nur Adi. Ihr hellblauer Mantel mit dem weißen Kragen besaß Kugelknöpfe, wie habe ich die bewundert! Und ihr schicker Hut, ein spitzer Tütenhut mit roten Fäden, die sich auf der Vorderseite kreuzten! Ich selber mußte den gleichen Kopfschmuck tragen wie "Ulla mit den nassen Händen" im Kindergarten, so mit Glücksklee und Herzen drauf. Aber ihrer war doch jedenfalls grün, meiner wieder mal langweilig blau. Auch mein neuer Mantel war wieder hellblau. Schön war nur, dass die Ärmel nicht mehr zu kurz waren wie beim alten. Aber! Daneben im Laden hing Adis Mantel mit Kugelknöpfen! Wie gern wollte ich d e n Haben, aber Mutti guckte natürlich mal wieder auf Qualität, "...noch Vorkriegsware, und darüber hinaus sogar gefüttert."

Das gab den Ausschlag. Na denn. Weiterhin beneidete ich Adi. Sie war von einer eindrucksvollen Frechheit. Beim abendlichen Klingeln an den Haustüren mit Weglaufen war sie immer die Schnellste. Die Mutprobe vor der Villa vom Kommerzienrat war ihre tolle Idee: dreimal Koppheister schießen auf dem Rondeel vor dem Haupteingang und "olle Hexe" rufen, dann nix wie weg unter der Hecke durch in Sicherheit. Beim Schuster an der Ecke die Tür aufreißen und fragen: "Was ist die Uhr?" und gleich selbst beantworten mit "eine runde Figur", eine oft von ihr gezeigte Übung. Als sie allerdings einmal zu meinem Opa "Rindvieh" gesagt hatte, wurde sie von Mutti ins Gebet genommen, aber sehr sanft für meine Begriffe. Ich fand das ungerecht, doch es hieß: "Ihr Vater ist ein ganz hohes Tier bei der Regierung, an dem verbrenne ich mir lieber nicht meine Finger."

Komisch fand ich das. Er sah doch eigentlich ganz normal aus; allerdings hatte er immer einen komischen gelben Topf auf dem Kopf, darunter eine braune Hemdjacke mit passender Hose, aber – besonders eindrucksvoll – einen Lederriemen schräg über der Brust verlaufend. Sonntags durfte er manchmal in der Stadt mit der Klöterbüchse sammeln fürs Winterhilfswerk. Dann kriegte man kleine Figuren oder Anstecker, wenn man ihm Geld gab. Er konnte die Blechbüchse immer sehr eindrucksvoll schütteln und die Münzen klimpern lassen. Wieviel Geld da wohl drin war? Er stieg noch mehr in meiner Achtung, und Adi natürlich gleich mit. War ihr Unternehmungsgeist aber so stark, dass womöglich sie es war, die immer abends im Dunkeln meine Sandkiste kaputt machte? Es kam nie heraus, hatte jedoch von mir viel Tränen zur Folge, und auch etwas sehr Gutes: Hans-Heinrich von gegenüber war meine Rettung. Er kam täglich am Nachmittag nach der Schule herüber und brachte alles in Ordnung. Er wurde mein großer und sehr lieber Held. So manche Stunde verbrachte ich seinetwegen auf dem Adolf-Hitler-Platz um seinen Übungen bei der Hitlerjugend zuzuschauen. Er hatte sogar eine Trommel, schwarz-weiß, ein Muster wie Flammen. Ich kannte die Rhythmen auswendig und klopfte sie zu Hause auf dem Kochtopf nach. Dazu versuchte ich seine Lieder zu singen. "Trimpele, Trampele, komm mal her.... doch in der Heimat, da ist’s am besten ... fahren gegen Engelland ... mein guter Kamerad" – und natürlich das Horst-Wessel-Lied.

Dann wurde die Stadt evakuiert wegen der vielen Fliegerbomben. Mein Freund kam zur Kinderlandverschickung an die Donau, ich zu Oma aufs Land. Als wir uns nach Jahren – nach 1945 – wieder sahen, war er für mich zu groß, ich für ihn zu klein. Schade!

Zusammenbruch – Befreiung 1945

Oma steht am Vertiko, hat das Ohr am Volksempfänger und weint: Hitler ist tot, Dönitz ist Nachfolger. Komisch, finde ich, dabei hat sie Hitler doch nie so richtig gemocht. Selbst bei Behördengängen grüßte sie mit "Guten Tag" und wurde meistens mit einem lauten "Heil Hitler" entlassen. Vor der Ladentür ziehen immer noch die Flüchtlingstrecks vorbei. Ihr Elend zu erfassen ist durch etwas neidische Gefühle eingeschränkt.

Wie gern hätte ich Elfjährige auch mal auf einem großen Heuwagen gesessen, eine Plane über dem Kopf, rundherum Bettzeug, die ganze Familie zusammen, irgendwie romantisch. Wenn wir "schwarz" von der Bauersfrau nebenan etwas Milch ergattert haben, wärmt Omi sie auf – falls überhaupt mal Gas da ist – und gibt sie den Vorüberziehenden mit Kindern.

Dicht am Rinnstein vorbei schleppen sich müde und ohne Ausdruck große Jungens vorbei, für mich doch immerhin schon groß genug, um mit der Panzerfaust umgehen zu können, die an jedem ihrer Fahrräder neben der Verbindungsstange festgebunden ist. Wieso sind die bloß so ernst? Sie gehören doch sicher schon zum Jungvolk, oder sogar schon zur Hitlerjugend?

Immerhin mit vierzehn Jahren gehört man als Junge dazu; wieso sagt also Omi jetzt: „Diese Kinder?“

Mit der HJ ist es nun aus, meint Omi. Doch nicht etwa auch mit dem BDM (Bund deutscher Mädchen)? Ich war doch erst zweimal "zum Dienst" gewesen, hatte extra eine weiße Bluse und einen schwarzen Rock bekommen. Auf dessen Knöpfe, vorn auf den Pattentaschen, war ich besonders stolz, sie waren schwarz und hatten aufgedruckt je ein kleines Hakenkreuz. Vielleicht war es gut so, dass ich nicht mehr zum BDM gehen musste? Schließlich hatten wir beim Antreten lernen ganz schön die Tiefflieger in der Nähe schießen hören können. Wir standen in der prallen Sonne, von oben aus gut sichtbar; würden sie uns treffen? Die Führerin Ilse gab kein Zeichen zum Wegrennen, Feigheit vor dem Feind? Schließlich kamen die pfeifenden Geräusche und das Knattern der Geschütze aus der Luft immer näher. Ich rannte nun doch los in Richtung Lazarett, vormals unsere Schule. Die Tür war verschlossen, ich stand wie angenagelt. Sollte ich den anderen hinterher laufen? Sie hatten in einem großen Holzschuppen Zuflucht gesucht. Aber könnten die Geschosse nicht durch das dünne Teerdach hindurch treffen? Ich ließ mich von dem großen, weißen Tuch mit dem roten Kreuz drauf, das fast den ganzen Schulhof bedeckte, anlocken. Einfach drunterkriechen? Doch bis zum nächsten Anflug der Feinde gelang es mir, den Haupteingang zu erwischen, der glücklicherweise nicht abgeschlossen war. Sicherheitsgefühl: gerettet!

Wieso haben wir Kinder eigentlich nicht so großen Respekt gehabt vor den Fliegern, wie man es erst später mit Gruseln überdenken konnte? Auf unseren Schulwegen – oft zu ehemaligen Fabriken draußen vor der eigentlichen Stadt – waren wir ziemlich sicher nicht getroffen zu werden. Klar, unsere Lehrerinnen und Lehrer hatten uns schließlich beigebracht, wie man solchem Zufall entgehen konnte. Man mußte nur die Richtung des Fliegers anpeilen und sich dann quer davor hinwerfen. So würden die Geschosse über uns – schließlich gab es ja Lücken – hinwegsausen, uns also gar nicht treffen. So einfach war das. Man mußte eben nur schlauer sein als die Tommies da oben.

Die Straße wird leer, wieso? An der Aue wird eine Panzersperre gebaut, keiner kann mehr hindurch kommen. […]

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