D., 1944

D. A. (*1936)

Als der Krieg zu Ende ging, war ich – wie so viele Kinder meines Jahrganges – nicht bei meiner Familie. Da bei zunehmender Bombardierung der Städte und der Zerstörung ganzer Wohnquartiere Unregelmäßigkeiten des Schulunterrichtes resultierten, die dann auch durch Belegung der Schulgebäude mit Verwundeten weiter zunahmen, wurde als Maßnahme von staatlicher Stelle geplant, und dann auch in die Tat umgesetzt, alle Kinder an vermeintlich bombensichere Orte zu bringen.

Mein Vater hatte schon Anfang 1944 die Initiative hierzu ergriffen und mich zu einer Patentante auf ein Dorf am Harzrand gebracht. Diese frühe Entscheidung meines Vaters bewahrte mich vor der so genannten Kinderlandverschickung, einem Unternehmen mit verheißungsvoll klingendem Namen, das aber häufig mit Ende des Krieges in einem Desaster für viele endete.

Meine Patin war kinderlos. Ihr Mann, ein Jurist, war in den frühen 30er Jahren mit viel Idealismus und Hoffnung in die NSDAP eingetreten und war nach dem so genannten Röhmputsch ausgetreten. Das kostete ihn seine Stelle. Er war Bürgermeister in einem Städtchen in der Altmark. Das Ehepaar zog in die Heimat der Frau, meiner Patin. In dem Nachbardorf hatte ihr Bruder einen großen Bauernhof. Das Ehepaar lebte auf dem so genannten Altenteil, einem kleinen Hof, lediglich mit Geflügelzucht, Gemüseanbau und Obstplantagen. Und so gesehen ergänzte der kleine Hof den Betrieb des größeren mit allem, was dort zu viel Arbeit und Sorgfalt gemacht hätte.

Mein Leben änderte sich völlig. Vorher in der Stadt war ich die Kleinere unter großen Geschwistern und stand im Hintergrund. Plötzlich war ich das Einzelkind, dessen Hilfe – zumindest in meinen Augen – unentbehrlich war. Auf dem Titelbild stehe ich vor dem Haus meiner Tante und meines Onkels. Sehr vorsichtig halte ich die Puppe im Arm. Diese, eine Käte Kruse-Puppe, wurde geschont und von meiner Tante in Gewahrsam gehalten. Nur für dieses Foto wurde sie mir in den Arm gedrückt, eine Dokumentation für meine Eltern, daß ich gesund sei und auch die Puppe wohlauf. Danach wurde die Puppe wieder eingeschlossen. Bei dem vielen Spielzeug, das die Natur bot, habe ich sie vermutlich nicht vermißt. Seltsamerweise habe ich auch meine Eltern nicht vermißt, obwohl wir Geschwister ein liebevolles und zärtliches Elternhaus hatten. Aber ich hatte auch bei meiner Tante und meinem Onkel ein schönes, vom Kriege nicht berührtes Zuhause gefunden.

Einmal allerdings kamen meine Mutter und meine jüngere Schwester zu Besuch, und ich führte die Beiden durchs Dorf – durch mein Dorf – stolz auf alles, was ich kannte, und was mir vertraut geworden war, und wovor meine Mutter eine leichte Angst empfand.

Ich kam mir sehr erwachsen vor. Meine Mutter reiste wieder ab, und am nächsten Tag fand mich meine Tante auf einer Treppenstufe, ratlos und schluchzend. Ich konnte nur sagen, daß mir alles in der Brust weh tat. Es war für mich ein unbeschreiblicher, wilder Schmerz. Meine Tante nahm mich in den Arm und sagte: "Das ist Herzensleid; das geht vorüber." Und sicher ist es auch vorüber gegangen.

Mein Leben bei Tante und Onkel auf dem Land änderte sich nun völlig. Ich sammelte Löwenzahn und Schafgarbe, hackte Kräuter für meine Gössel, Kücken und kleine Puten und kroch in Ecken, in die kein Erwachsener kam, um die jämmerlich piependen Tiere, die sich dort verfangen hatten, zu befreien. Ich zog mit Scharen von Gänsen über die Felder, damit sie liegengebliebene Ähren fraßen, trieb die Enten zum Dorfteich zum Baden, schleppte lahmende Tiere auf den Armen, half bei der Obsternte und kletterte in die Nußbäume, um die Nüsse abzutreten. Ich pflückte die Birnen in den obersten Baumspitzen, sammelte Stachel – und Johannisbeeren und natürlich auch Pilze im Wald.

In meiner Erinnerung bin ich ein Kind – eigentlich sind es nur Sommererinnerungen, obwohl die Winter hart, lang und schneereich waren, - braungebrannt, mit Zöpfen, in Holzpantinen, barfuß oder zerkratzt von Büschen und Zweigen, zerschrammt, mit aufgeschlagenen Knien.

Ich ging zur Schule – gewissermaßen ein Kulturschock. Eine Dorfschule mit vier Klassen in einem Raum. Als später mehr und mehr evakuierte Kinder dazu kamen, waren wir zwei Klassen in einem Raum, Jungen und Mädchen gemischt. Während die eine Klasse schriftliche Aufgaben aufhatte und still beschäftigt war, mußte die andere Klasse rechnen oder lesen. Ich gewöhnte mich schnell daran, mit halbem Ohr immer bei der anderen Hälfte der Klasse zu sein. Den Lehrer nannten wir Kantor. Vor Beginn der Schulstunde rief er einige Jungen auf, die nach vorn kamen, sich bückten, und er stand hinter ihnen auf einem Stuhl und schlug mit einem Haselnußstrauch-Stock zu.

Die Vergehen wurden vorher genannt: Kirschen beim Nachbarn geklaut, den Pastor nicht gegrüßt und dann noch mit dem Fuß unter das Kuchenblech getreten, das dieser gerade nach Hause trug. Die Mädchen hingegen wurden nur am Ohr gezogen.

Meine Tante, die ich heiß liebte, war breit gebaut, fast gewaltig. Sie trug Zentnersäcke ohne sichtbare Anstrengung steile Treppen hinauf und war in ihren Handlungen sehr praktisch und gradlinig.
Wie ihr Mann verabscheute sie das Nazisystem, wartete auf die militärische Niederlage, war aber sehr preußisch eingestellt. Bevor mein Onkel von seinem Amt als Bürgermeister von den Nazis abgesetzt wurde und Vereine aufgelöst wurden, war sie Vorsitzende des „Königin Luise Bundes“ und bei feierlichen Anlässen wurde immer noch die selbstgestickte Kornblumendecke auf den Tisch gelegt. Im Sommer pflückte ich auf ihren Wunsch Kornblumen für das Bild der Königin.

Abends spielte der Kantor mit meinem Onkel Skat. Die Honoratioren des Dorfes waren: der Pastor, der Förster, der Kantor und mein Onkel, der zwar außer Dienst war, aber von allen respektiert wurde. Er hatte auf Grund seiner Vergangenheit seine eigenen politischen Vorstellungen, und er machte aus seiner Überzeugung kein Hehl. Erstaunlicherweise wurde das von den alteingesessenen Bauern so hingenommen. Er wiederholte immer wieder, und das schon, als noch die Mehrheit nicht daran dachte, daß Hitler einen Krieg beginnen würde, und den würde er verlieren. Später prophezeite er Flüchtlingsströme und die Besetzung des Landes durch die Engländer.

Meine Tante zog daraus ihre praktischen Konsequenzen, und so gehört dies zu meinen intensiven Erinnerungen:
Wir fuhren früh morgens mit dem Bus nach Halberstadt und trabten durch die verwinkelte, mittelalterliche Stadt, ich an der Hand meiner Tante, und diese mit Zeitungsannoncen, an Hand derer sie Wohnungen aufsuchte, wo Leute ihre Betten verkauften. Erstaunlicherweise wollten diese sich mitten im Krieg neue Schlafzimmer anschaffen. Es wurde in bäuerlicher und zäher Manier gefeilscht und gehandelt und auf dem Rückweg, außerhalb der Stadt – ich könnte heute noch die Stelle zeigen – wir gingen zu Fuß, lachte meine Tante, klatschte sich auf die Oberschenkel – und lachte. Sie hatte solide Betten erstanden, preisgünstig, altmodisch zwar, aber die neuen Möbel waren für sie nur "neumod‘sches Tüch", und das war ihr vernichtendstes Urteil. Die Betten wurden in den nächsten Tagen mit einem Pferdefuhrwerk abgeholt und mich interessierte an dem Bettenkauf eigentlich nur, daß ich den Wagen kutschieren durfte.

Ich wuchs also in einer Mischung von praktischen Aktivitäten und theoretischen Spinnereien auf.

Da mein Onkel fand, daß der Schulunterricht für sein Patenkind nicht ausreichend sei – das Gleiche galt für zwei Neffen, die schon auf dem Gymnasium in Halberstadt im Internat waren – gab er uns Nachhilfeunterricht. Wenn die Neffen zu Fuß aus Halberstadt kamen, lief ich ihnen auf der Landstraße entgegen. Wir trafen uns an einem Silo – auch das könnte ich heute noch zeigen – und gingen gemeinsam ins Dorf. Unsere Schritte wurden immer langsamer, denn jetzt – Sonnabendnachmittag – begannen die schlimmsten Stunden der Woche. Wir saßen in getrennten Zimmern mit getrennten Aufgaben. Ich bekam mathematische Aufgaben, die Neffen griechische und lateinische. Mein Onkel, den ich in meiner Erinnerung noch im Sessel sitzen sehe – immer mit einem Buch, lateinisch, griechisch, deutsch – ging jetzt von einem zum anderen, korrigierte, schrie uns an, schüttelte mich und verpaßte den Neffen kräftige Ohrfeigen.

Es gehörte sich – vielleicht typisch für diese Zeit -, daß wir dies alles stoisch ertrugen und uns später mit unserer Tapferkeit brüsteten. Aber im Übrigen, abgesehen von der Einbindung in die Pflichten des Hofes, der Schule und in den gefürchteten Nachhilfeunterricht, sollte ich, wie meine Tante an meine Mutter schrieb "in Freiheit dressiert werden".

Erstaunlicherweise mache ich mir erst jetzt Gedanken darüber, was meine Mutter sich eigentlich bei diesem Briefverkehr gedacht hat und wie ihr überhaupt zumute war, daß sie ein Kind in die Fremde abgeben mußte. Selten in dieser Zeit fuhr ich nach Hause – zu Weihnachten. Aber wenn ich gefragt wurde, ob ich Heimweh hätte, schüttelte ich den Kopf, und – wo ich am liebsten sei, nannte ich den Namen meines Dorfes. Weihnachten brach ich in Tränen aus, als ich hörte, daß mein Onkel mit seinen Neffen zusammen gefeiert hatte; sie hatten aus der "Bierbibel", dem studentischen Gesangbuch, gesungen und Bier getrunken , und ich war nicht dabei gewesen!

Als der Krieg zu Ende ging, lebte ich in dieser dörflichen Idylle, die erst später zusammenbrach und für immer unterging. Damals war, trotz allem, was rundherum geschah, für mich als Kind die Welt in Ordnung. Trotz eines soliden, bäuerlichen Wohlstandes lebte man bescheiden und verlor nie den Blick in die Zukunft. Neue Bäume wurden gepflanzt, das Geerntete eingekocht, die Puten zum Brüten gesetzt. Es wurde alles so getan, wie schon die Großeltern es gemacht hatten. Unsere Welt erschien uns sicher. Wir hatten kein Radio, wir bekamen keine Zeitung. Das Neueste kam mit dem Ruf: "Es wird bekannt gemacht!" und einer großen Glocke, die von einem Mann der Gemeindeverwaltung geläutet wurde, der durch das ganze Dorf ging, das Neueste verkündete und zum Schluß mit Wichtigkeit endete: "der Bürgermeister".

Mein Onkel war durch mir unklare Quellen über den Fortgang des Krieges gut informiert, aber er vermied das Thema, und im Übrigen bestätigte der Verlauf nur seine Theorie. Ich lebte mein Kinderleben, trotz der Schrecken des Nachhilfeunterrichtes am Sonnabend, unbeschwert und unbelastet. Meine Pflichten auf dem Hof empfand ich nie als Arbeit. In den Erntemonaten wurden alle Kinder auch auf den Nachbarhöfen zum Helfen eingesetzt. Ich sehe mich Stunde um Stunde in unterschiedlichsten Küchen und Vorratsräumen sitzen und Obst verarbeiten. Der Obstsaft rann mir beim Entkernen über die Arme, und ich liebte diese Zeit, weil die Erwachsenen erzählten.

Auf den Höfen waren es die alten Frauen, die herrliche Spukgeschichten kannten und natürlich den neuesten Klatsch, bei Frau Pastor waren es die Heiligengeschichten. Und immer zog es mich mehr zu den Spukgeschichten. Wir spielten unbeschwert in den Ställen und Scheunen, gruben uns Tunnel ins Stroh und sprangen vom Heuboden, beides war uns streng untersagt. Ich hatte kein Spielzeug, schnitzte mir aber welches aus Holz, und ich las. Versteckt im Nußbaum oder hinter riesigen Brennesselhecken saß ich und versank in Heldensagen, war mit Dietrich von Bern unterwegs, litt mit Hektor und fuhr mit Odysseus über alle Meere. Diese Gefahren waren für mich wirklicher, als alles, was sonst in der Welt geschah.

Aber nahende Veränderungen spürte ich auch als Kind. Meine Tante tuschelte mit dem Schmied. Ich bekam den Inhalt des Gesprächs nicht mit und war sicher mit ganz anderen Dingen in der Schmiede beschäftigt, diesem geheimnisvollen Ort mit Feuer und Glut.
Dann nahm meine Tante mich an die Hand und stapfte mit mir die Dorfstraße entlang. Ich hüpfte neben ihr her. Plötzlich zog sie an meinem Arm: "Spring nicht so, geh‘ ruhig, Königsberg ist gefallen." Ich wußte nicht, wo Königsberg war, aber ich ahnte, es war etwas Schreckliches geschehen.

Dieses Flüstern meiner Tante und meines Onkels untereinander war etwas Bedrohliches. Sonst jedoch waren die Tage ländlich, friedlich, die Nächte still ohne Fliegergeräusche. Ich lernte die Schönheit der Natur zu jeder Jahreszeit kennen, beobachtete die Tierwelt - Haustiere und Wildtiere, die Vogelstimmen, das Schnarchen der Eulen im nahen Kirchturm.

Es war meine Tante, die mich nach einem Regen beim Lesen im Hause aufstöberte und ins Freie schickte. Jetzt sei die Natur frisch, wie reingewaschen. Ich ging durch die Felder, roch den Duft der Kamille, des Getreides, sah den Regenbogen, die funkelnden Wassertropfen an den Blättern.

Noch eine Szene steht mir heute deutlich vor Augen. Es war Ende Februar zu meinem Geburtstag. Noch lag Schnee. Aber meine Tante ging mit mir in den Garten, schob an einer etwas geschützten Stelle mit ihren kräftigen Händen den Schnee zur Seite, und darunter leuchteten weiß die ersten Märzenbecher. Immer wieder habe ich in Erinnerung, wie die breiten Hände unter dem Schnee das Wunder des erwachenden Frühlings heraus schaufelten. Die Natur lebt weiter. Diese Szene hat mich tröstend ein Leben begleitet.

Erst in den letzten Wochen des Krieges bekamen wir militärische Einquartierung: auf dem Hof stand ein Kübelwagen, in dem ich mitfahren durfte, der Offizier wohnte bei uns im Haus.
In dem sogenannten alten Haus, das nicht mehr bewohnt wurde, war eine Schusterwerkstatt eingerichtet, und ich kroch zwischen den Soldaten hindurch, um Lederstücke und Nägel zu sammeln, die ich für meine Bastelarbeiten brauchte.

Eines Nachts gab es Fliegeralarm. Ich sehe noch den Offizier in der Diele stehen – an der Decke der Erntekranz, an der Wand der Spruch: "Wes Land betreibt kein Landwirtschaft, des Land betreibet Schandwirtschaft" – er rief nach meiner Tante und meinem Onkel ... Es war das erste Mal, daß wir bei Alarm aufstanden und in den Kartoffelkeller gingen. Es passierte auch nichts. Aber plötzlich waren morgens alle verschwunden: der Offizier, der Kübelwagen, die Schusterkompagnie. Es hieß, sie seien weitergezogen in den Harz.

Dann kam ein Sonntag – es war Palmarum – mit dem verheerenden Angriff auf Halberstadt. […]

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