B. (unten) und Schwester, 1934

B.W. (*1930)

Meine frühe Kindheit in Stettin war fröhlich und liebevoll umsorgt. Mein Vater war als Diplomlandwirt bei der Landesbauernkammer angestellt. Meine Mutter hatte sich nach schwierigem Studium während der Inflation mühsam die Kassenzulassung für eine Allgemeinpraxis erkämpft und hatte in einem Wohnblock eine ganze Etage gemietet. Auf der einen Seite waren die Praxisräume, die andere Hälfte der Etage bot genügend Platz für unsere Familie (meine Schwester ist dreieinhalb Jahre älter), sowie für Sprechstundenhilfe und Hausangestellte, wie es damals hieß.

Wir hatten viel Freiheit zum Spielen. Im Winter improvisierten wir Kasperlestücke, verkleideten uns und machten am Wochenende Gesellschaftsspiele mit unseren Eltern. Auf dem großen Innenhof unseres Wohnblocks war Platz zum Rollschuhlaufen. Es gab eine große Sandkiste, und ich tobte gerne mit den Jungen oder kloppte mich mit meiner Schwester. Im Sommer fuhren am Wochenende die Eltern mit uns zum Zelten an die Ostsee und machten größere Reisen nach Mitteldeutschland mit unserem "Opel Olympia". Regelmäßig verbrachten wir 3-4 Wochen in einem Appartement an der Ostsee, wo noch mit Kienäppeln gekocht wurde. Stets spielten wir in einer großen Gruppe fröhlicher Kinder.

Als ich zur Oberschule kam, begann der Krieg. Mein Vater wurde sofort eingezogen. Meine Mutter durfte das Auto nur für Hausbesuche benutzen. Übrigens wurden die Scheinwerfer bis auf schmale Schlitze verklebt und alle Fenster bekamen Verdunkelungsrollos. In den ersten Kriegsjahren änderte sich noch wenig. Wir mußten uns die Schulgebäude mit anderen Schulen teilen (Vor- und Nachmittagsunterricht), da in vielen Schulen Lazarette eingerichtet worden waren, und wir machten nun unsere Ausflüge mit Fahrrädern. Aber dann begannen schwere Bombenangriffe.

Wir saßen viele Nächte im Luftschutzkeller.Die Fensterscheiben waren zersplittert, und es roch nach Phosphorbrandbomben. Ob wohl die Schule noch heil war? Im Sommer 1943 wurden in Stettin alle Schulen geschlossen und die Familien mit Kindern evakuiert. Da meine Mutter zunächst ihre Praxis in der Stadt weiterführen mußte, kamen meine Schwester und ich zu Verwandten nach Thüringen, die wir noch nie gesehen hatten. Es wurden noch einmal friedliche Herbsttage bei lieben Menschen. Allerdings lernten wir nun häusliche Pflichten wie "Betten machen" und "Tisch decken". Dafür war das Zanken mit meiner Schwester vorbei, da wir doch aufeinander angewiesen waren.

Ich ging zum ersten Mal in eine gemischte Klasse, was mir gut gefiel. Der Krieg zeigte sich für uns nur durch sogenannte "Christbäume" – Markierungen der englischen Bomber – die über dem entfernten Erfurt abgesetzt wurden. Dann kam die Notdienstverpflichtung meiner Mutter nach Lauenburg in Hinterpommern: Wir zogen mit ihr nach Osten. Vier Monate später mußte sie eine Praxis in Vorpommern übernehmen, und schließlich landeten wir in Altentreptow.

Das war der vierte Schulwechsel in einem Jahr. Ich ging nun auf die 16 km entfernte Oberschule in Neubrandenburg. Da die Luftangriffe jetzt auch am Tage durchgeführt wurden, hielt unser Zug oft auch auf freier Strecke oder wir flitzten mit Herzklopfen vom Bahnhof nach Hause, da bei Fliegeralarm niemand auf die Straße durfte.

Im Winter zogen dann endlose Trecks mit Flüchtlingen aus Ostpreußen durch unser Städtchen. Ich half meiner Mutter, wenn sie auf dem Bahnhof Menschen versorgte, die in offenen Güterzügen ankamen und oft schwerste Erfrierungen hatten. Nach Weihnachten brauchten wir nur noch einmal in der Woche zur Schule, um Hausaufgaben abzuholen. Es gab kein Heizmaterial mehr […]

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H. T. (*1923)SeitenanfangR. N. (*1930)