Im September 1940 wurde ich in Berlin geboren, wenige Tage bevor die Entbindungsklinik in Schutt und Asche gelegt wurde. Mein Vater war zu diesem Zeitpunkt schon eingezogen. Die meisten Nächte verbrachte ich von Anfang an im Luftschutzkeller.
Bald wurde meine Familie, das waren meine Mutter, meine Großeltern und ich, wegen der Bombenangriffe nach Kempen evakuiert, einer Stadt in der Nähe von Breslau, wo wir entfernte Verwandte hatten. An einen Besuch meines Vaters kann ich mich nur undeutlich erinnern. Diese diffuse Erinnerung hat etwas mit der Verweigerung von bunten Drops und stattdessen "Mittagessenmüssen" zu tun.
Im Herbst 1944 kam die Nachricht, daß mein Vater gefallen war. Da es sein Wunsch war, daß wir aus dem Osten weggehen sollten, brachte uns meine Mutter zu einer Freundin nach Gadow, das ist ein Dorf bei Wittstock in Brandenburg.
Das Haus, in dem wir wohnten, lag am Ende einer langen Dorfstraße, nahe am Wald. Gleich nebenan war ein großer Holzplatz, auf dem es nach frisch geschnittenem Holz roch, ein Geruch, den ich bis heute in Erinnerung habe. Außerhalb des Dorfes gab es ein kleines Backhaus, zu dem die Dorfbewohner kamen um Brot und Kuchen abzubacken. Das erinnerte mich immer an das Märchen von Hänsel und Gretel.
In Gadow verbrachten wir den kalten Winter 1944/45. Ich erinnere mich an das Weihnachtsfest, als wir aus der hellen, warmen Kirche durch die Kälte nach Hause gingen. Auf den Wiesen waren große Eisflächen und an den Zäunen Eiszapfen zu erkennen.
Die Kirche habe ich noch von einem späteren Tag in Erinnerung. Das war Ostern 1945. Auf dem Rückweg von der Kirche überraschte uns ein Bombenangriff. Es war der erste, den wir in Gadow erlebten. Zu dieser Zeit kamen immer mehr fremde Menschen durch das Dorf gezogen. Zuerst waren es Schwarzmeerdeutsche, ein Wort, das meine Phantasie beschäftigte. – Später waren es zunehmend deutsche Soldaten. Sie lagerten auf dem Hof hinter unserem Haus, und es wurden von Tag zu Tag mehr. Sie sagten, es handele sich um einen "Austausch". Das Wort "Rückzug" wurde nicht ausgesprochen.
Dann hieß es: "Die Russen kommen". Bei uns wurde nun von Flucht gesprochen. Meine Großeltern entschieden sich wegen ihres Alters in Gadow zu bleiben. Meine Mutter mit mir und ihre Schwester mit meinem Cousin, der 4 Monate jünger war als ich, bereiteten sich darauf vor, weiter nach Westen zu gehen.
Mein Cousin und ich suchten unser Spielzeug zusammen
und verpackten unsere kostbarsten Sachen in unsere
"Stullentaschen". Besonders liebten wir ein Bilderbuch,
aus dem uns immer vorgelesen worden war. Auf jeder
Seite waren zwei Kinder in immer wieder neuen Landschaften
unterwegs. Der Text endete jeweils mit der
Feststellung: "Deutschland ist schön."
An dem frühen, kalten Morgen, als es dann wirklich los
ging, haben wir vor Aufregung und Müdigkeit alles dort
vergessen.
Wenn ich heute über die Tage unserer Flucht nachdenke, kann ich Zeit und Orte nur lückenhaft ermitteln. Umso deutlicher sehe ich einzelne Bilder vor mir. Wir müssen ungefähr fünf Tage unterwegs gewesen sein. Orte, durch die wir mit Sicherheit kamen, waren Wittstock, Ludwigslust und zuletzt Boitzenburg. Wir gingen entweder zu Fuß auf Landstraßen, oder wir wurden auch mal ein Stück mit Lastwagen mitgenommen.
Die erste Nacht verbrachten wir in einem großen Saal, in dem dicht an dicht Menschen auf dem Fußboden lagen. Meine Mutter sagte, sie dürfte nicht einschlafen, da dauernd an ihrem Rucksack gezogen würde […]
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